Man hat etwas ausgebaggert

Bild: Engel

Kürzlich sind wir über den Ludwigsplatz gegangen, ich glaube, Sie kennen ihn. Es ist dieser Platz, auf dem jetzt sehr viele Bagger und Gitter und Engstellen sind. „Man müsste“, hat mein Begleiter nachdenklich gesagt, „den Stadtplatz auch für Fußgänger sperren.“ Ich war erstaunt. Dieses „auch“ hat mich überrascht. „Wie meinst du ‚auch‘?“, hab ich gefragt. „Für „Autos ja sowieso“, hat er gesagt, „und für Radler, und für E-Roller sowieso. Und Läden sind eh überflüssig, man kann ja Online einkaufen.“ Ich war beeindruckt.

Es ist innovativ, eine Fußgängerzone ohne Fußgänger zu fordern, „innovativ“ im Sinne von „neu“, nicht unbedingt im Sinn von „zukunftsweisend“. In Berlin zum Beispiel glaubt man ja neuerdings, dass es weniger Kriminalität gibt, wenn es weniger Polizei gibt, weil die Zahlen der Kriminalitätsstatistik ja sinken, je weniger Polizei unterwegs ist. Das ist innovativ, findet gewiss auch Issa Remmo, der mit meinem Freund gemeinsam hat, dass beide der Berliner Linken total unbekannt sind. Aber eigentlich geht es mir heute um die Vergangenheit: Um etwas ganz Altes, das mir aber auch unbekannt war.

Das Sandtner-Modell

Man hat etwas ausgebaggert auf dem Ludwigsplatz, Sie sehen es in der Bildmitte unter dem Mann in Orange am Eck vom Jack&Jones-Haus. Heute früh habe ich es gesehen und gleich vermutet, es könnte ein Überrest von einem Brunnen sein. Sofort habe ich nachgefragt bei der Stadt, und ich rechne in Bälde mit einer Antwort. Aber ich habe auch Robert Graf kontaktiert.

Dessen Bewerbung zum Stadtheimatpfleger hat die Stadt kürzlich leider nicht allzu ernst genommen, und das ist schade. Aber ich bin nicht die Stadt, und ich halte ihn für den besten Kenner der Geschichte von allem, was innerhalb des Stadtgrabens jemals gebaut worden ist. Für ihn war der Fund natürlich nicht neu. Ich glaube sogar, dass er vielleicht ein bisserl amüsiert war darüber, wie man da überhaupt fragen kann.

Bild: Privatarchiv Robert Graf

Im Sandtner-Modell ist nämlich an dieser Stelle westlich vom Jakobsbrunnen noch ein Brunnen zu sehen, und auf dem Theresienplatz war nahe am Tiburtiusbrunnen auch so ein Doppel-Ensemble. Es waren Ziehbrunnnen, die man besonders bei einer Feuersbunst sehr gut brauchen hat können. Der jetzt wieder ausgegrabene Brunnen am Ludwigsplatz, sagt Robert Graf, „wurde wohl schon bei der barocken Neufassung des Jakobsbrunnen aufgelassen“, das war 1644. Und was passiert jetzt damit?

Und wie geht’s jetzt weiter?

Was damit jetzt passiert, werden wir sehen. Wenn heute im Tagesverlauf – und ich glaube, es wird noch heute sein, denn so schwer kann die Antwort auf diese Frage ja gar nicht sein – wenn also die Antwort da ist, werden wir wissen, ob es so sein wird, wie ich vermute: Man wird diesen Brunnenrest dokumentieren in Fotos und Maßen, und dann wird er wieder eingegraben, und über ihm wachsen Bäume. Hoffentlich greift ihn kein Wurzelwerk an. Da wäre er ja zerstört.

Aber solang’s keine Antwort gibt, ist das Spekulation. Wahrscheinlich wird er so eingegraben, dass ihm unter der Erde gar nix passieren kann. Dann haben wir alle etwas davon, besonders unsere Stadtführer. Die können dann auf die Stelle zeigen und sagen, dass da ein Ziehbrunnenrest drunter ist. Das ist zwar auch irgendwie irritierend, weil Generationen von Touristen und Straubinger nix davon sehen werden. Aber es ist immer noch logischer als die Idee in Berlin, Wohnungen zu kaufen, die es schon gibt, dafür einen Haufen Schulden zu machen und das als Konzept gegen Wohnungsnot zu verkaufen. Oder die Idee einer Fußgängerzone ohne Fußgänger. Aber die war ja gar nicht so ernst gemeint, hoffe ich. Ich hab nämlich auch seltsame Freunde.

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