Ein Gedicht von einem Foto

Ich geh die Steinergasse hinauf, da springt mir etwas ins Auge, und das Etwas ist: Rot! Es ist ja jetzt Farbe erlaubt in den Seitengassen, lang war das unerlaubt, und zwar aus ästhetischen Gründen. Aber jetzt ist dort Farbe erlaubt, vermutlich auch aus ästhetischen Gründen. Und nicht nur Anwohner sind erfreut vom neuen ästhetischen Grundverständnis der Stadtverwaltung, sondern auch die Stadtgärtnerei. Warum nicht ein Gedicht daraus machen?

Lob unserer Stadtgärtnerei

Ist nicht etwas irritierend

Und im Grund fast deprimierend,

Dieses Stadtplatz-Grau-in-Grau?

Keine Sau beschirmt von Rot,

Denn dort herrscht: Ein Rotverbot!

(Und das gilt ebenso für Blau.

Es gilt nur eines, nämlich Grau.)


Aber in den Seitengassen

Kann der Mensch sein Glück kaum fassen:

Den historischen Fassaden

Scheint hier Rotes nicht zu schaden:

Rot vor jedem zweiten Laden!

Schau, wie’s rot und fröhlich strahlt!

Blumentröge, wie gemalt!

Blumenpracht in roten Trögen,

die zu erfreuen uns vermögen!

Ein Bild voll Frühlingsharmonie!

Und am Stadtplatz? Am Trog nie.


Undenkbar dort ein roter Kübel.

Rot gilt dort als großes Übel,

Weshalb der Denkmalschützer wacht,

Dass ja kein Wirtshaus unbedacht

Einen roten Schirm hinmacht.

Rot, das wäre unerhört!

Weil Rot die Stadtverwaltung stört.

Weil unser Stadtplatz grau gehört.


Rot hammer am Stadtplatz nur,

Vorm Hotel Röhrl, das stolz und stur

Die Tische gern in Rot eindeckt.

Weil Rot den Sommer in uns weckt.

Nur: „Wecken“ ist als Tatbestand

Dem Bürokraten unbekannt.

Weil „wecken“ leider etwas ist,

Das den Erholungsschlaf vermiest,

Weshalb ein Weckruf ihn verdrießt.


Doch ich ruf fröhlich, frank und frei:

„Ein Hoch uns’rer Stadtgärtnerei!

Sie hat jetzt rotes Mobiliar

In Form von Trögen wunderbar

In Seitengassen integriert!

Wobei kein Gässlein Charme verliert!

Im Gegenteil! Die Gass’ gewinnt!

Weil Farbengassen schöner sind.“

Und immer lauter, immer mehr

Tönt’s: „Hoch der Stadtgärtnerchef Jörg Bär!“

Am Stadtplatz, leider, ist’s unmöglich.

Weil der Verwaltung unertröglich.

Weiter
Weiter

Stellenabbau: Strama bestätigt