Die Verwaltung, unsere Sonne

Was stört im Bild? Es ist zu bunt für diese Stadt, es sollte grauer sein, denn nur Grau passt zum Stadtplatzensemble. Foto: Aus den Tiefen des World Wide Web.

Man denkt ja immer, er hat die Sonne gemeint, als er „Und sie bewegt sich doch“ gemurmelt hat, aber das stimmt nicht. Galileo Galilei hat die Straubinger Stadtverwaltung gemeint, vor fast 400 Jahren schon. Großartiges ist seither geschehen: Die Stadtverwaltung hat sich bewegt! Und, seien wir ehrlich, es war nicht das erste Mal. Trotzdem gelingt der vom OB gewünschte Bürokratieabbau so wohl kaum.

Gestern im Ordnungsausschuss: Der Baudirektor trägt vor, dass in den Seitengassen bunte Schirme erlaubt sind, und am Stadtplatz ist der Gastronomie jetzt auch Windschutz erlaubt, und Heizstrahler auch. Natürlich begrenzt, aber Jahrzehnte war das verboten, aus Gründen von Optik, Geschmack, Ästhetik und Denkmalschutz. Und natürlich, weil’s halt einfach nicht geht. Und jetzt sind sogar Palmen erlaubt, trotz Optik etc. Das alles geht jetzt. Und die Sonne geht trotzdem noch auf. Es ist erstaunlich. Und: Es ist gut.

Die Verwaltung hat sich bewegt. Am Stadtplatz ist sie geistig beinah schon so weit wie der Großteil der Stadtgesellschaft schon lang. Nur noch ein bisserl fehlt: Holzbänke? Nicht-beige Schirme, klein, nur zusätzlich an heißen Tagen? Da heißt es immer noch: „Da sei Gott vor!“ Für den Baudirektor Oliver Vetter-Gindele ist so etwas unvorstellbar, außer natürlich am Christkindlmarkt, den beschirmt die Stadt ja selber mit Rot, und es sieht gut aus. Aber in der privaten Gastronomie? Dazu zurück in den 26. Januar:

Der Trick des Baudirektors: „Mit Bedacht so gemacht“

Ein Treffen von Stadtplatzgastronomie und Verwaltung, ich bin einfach auch hin. Es waren noch da: Fünf Wirte, drei Stadträte und acht Verwaltungsleute, Bürgermeister Schäfer eingerechnet. Geredet hat hauptsächlich der Baudirektor: Farbe in Gassen jetzt okay, Windschutz am Stadtplatz jetzt auch, Tisch mit Bank vorm Gäubodenhof auch. Tische mit Bänken vorm Seethaler? Unmöglich. Farbe an Stadtplatzschirmen? Aufgakeinfall! Optik. Ästhetik. Geschmack. Denkmalschutz. Und er wirft zwei Fotos an die Wand.

Luftbilder vom Theresienplatz: Einmal der Ist-Zustand mit graubeigen Schirmen, „schön“, urteilt Vetter-Gindele. Und einmal eins, in dem statt beiger Schirme sieben verschiedene Pastellfarben hineingekleckst sind, ein wildes Durcheinander, als ob das das Ziel wäre. „Wir können uns das auch bei wohlwollender Überlegung nicht vorstellen“, sagt er dazu, „zu viele Pastellfarben beißen sich.“ „Bei wohlwollender Überlegung“, das hat er wirklich gesagt.

Als Beobachter sitzt man dann da und denkt: „Da hat sich jemand aber echt Mühe gegeben, etwas richtig schlecht aussehen zu lassen.“ Kaum hab ich das gedacht, meldet Jochen von Seckendorff sich zu Wort, der Hotel-Röhrl-Eigentümer, und bestätigt, dass das wirklich nicht schön ist. Wörtlich sagt er: „Das ist ja mit Bedacht so gemacht, dass das keiner schön findet.“ Und er fügt hinzu: „Hätt ich an Ihrer Stelle auch so gemacht.“ Er hat den Trick nicht nur durchschaut. Er hat’s auch gesagt. Nein, nein, sagt der Baudirektor, stimmt nicht; aber wenn auch nur einer im Raum das geglaubt hat, verschenk ich mein Löwen-Lieblingstrikot an den nächstbesten Bayernfan.

Warum auch mein zweitliebstes Löwentrikot nicht futsch ist

Gestern im Ausschuss hat er das Bild wieder gezeigt, und er zitiert sogar den Röhrl-Eigentümer, aber mit einem Zusatz: „Und seine eigene Pächterin hat gesagt, ihr taugen die Schirme, so wie sie sind.” Nur: Das hat sie eben genau nicht gesagt. Gesagt hat sie, dass Unterscheidbarkeit wünschenswert wäre, und wörtlich: „Aber Sie entscheiden das, wie Sie wollen. Also bleima bei Beige.“ Das war Resignation. Hieße Resignation „das taugt mir”, wär jetzt mein zweitliebstes Löwentrikot futsch. Ist es aber nicht.

Doch die Verwaltung kommt damit durch: Nur Feride Niedermeier und Jürgen Steinmetzer, Grüne, plus Karl Dengler, ÖDP, stimmen für etwas mehr Bunt. „Habt ihr kein Vertrauen, dass Wirte etwas richtig machen können?“, fragen die Grünen, „Überregulierung“, sagt Dengler. Auch Hubert Reisinger, CSU, sagt: „Trauts den Wirten am Stadtplatz doch etwas zu.“ Aber letztlich stimmt er doch mit der Verwaltung, weil die sich ja zumindest ein bisserl bewegt.

Vetter-Gindele weiß übrigens selber genau, dass Wirte gern mehr Farbe hätten. Das verrät dieser Satz: „Die Wirte sagen, ‘wenn ich’s ned mit der Schirmfarbe machen kann, dann mach ich’s halt mit dem Sonderelement.“ Sonderelement? Das ist das, was die Verwaltung den Wirten zur Individualisierung ihrer Freischankflächen erlaubt, und damit sind wir beim Seethaler-Wirt und dessen Versuch, seine Banktische zu retten. Die hat er vor einem Jahr ans Haus gestellt, beliebt bei Gästen, nicht bei der Verwaltung. Vorbei.

Der Geschmack des Denkmalschützers: „Das wirkt wie ein Block“

Einen Banktisch darf man aufstellen, hat die Verwaltung entschieden. Einer allein ist nämlich ein „untergeordnetes Sonderelement“. Das hat die Verwaltung jetzt so definiert. Der Tisch vorm Gäubodenhof ist damit gerettet, der Gäubodenhof abgegrenzt, zumindest aus Sicht der Verwaltung. Mehrere Tische? Geht nicht, sagt die Verwaltung, wegen Ästhetik, Optik, Geschmack: „Das wirkt dann als Block“, hat der Denkmalschützer Thomas Rothammer den Wirten vor zwei Wochen erklärt.

Rothammers Amt ist das Amt, das sieben volle Jahre (!) lang zugeschaut hat, wie’s durchs undichte Dach in den Dechanthof (Stadtbesitz, denkmalgeschützt) reingeregnet hat. Genau dieses Amt hat vor zwei Jahren dem Jack&Jones-Haus am Ludwigsplatz ein so dermaßen braunes Braun vorgeschrieben, dass die halbe Stadt sich gefragt hat, ob hier vielleicht eine Braunpartei einziehen soll; sogar das Tagblatt hat eine „irritierende Farbgebung“ erkannt und treffend formuliert: „Der laienhafte Betrachter - und wer wäre das außer den Denkmalschützern nicht? - wundert sich.“ Das ist Straubings Denkmalschutz.

Was der OB sagt. Und was seine Verwaltung tut

Aber dann hat die Verwaltung sich bewegt. Der Eigentümer hat neu streichen dürfen. Das hat vermutlich noch einmal Geld gekostet, aber nicht das der Verwaltung. Sehen wir’s positiv als Beweis, dass die Verwaltung sich schon vor zwei Jahren bewegt hat. Und wissen Sie noch, als Tischerl am Stadtturm noch völlig unmöglich waren? Eines Tages werden auch Holzbänke möglich sein. Für den Wirt wär aber heut besser als morgen.

Gastronomie heute ist unter Druck. Der Wirt hat dem Baudirektor gesagt, dass er über seine Kasse nachweisen kann, dass diese Tische 20 Prozent Umsatzplus gebracht hat, und dass ihm das hilft. Aber das interessiert nicht. Wirtschaft? Geld verdienen? Sorry, nicht das Bier der Verwaltung. Aber im Wahlkampf sagt der OB, dass zum Bürokratieabbau auch gehört: Verwaltungen müssen dem Bürger zutrauen, dass er Manches selber entscheiden kann, ohne Mama Verwaltung. Wirte haben selbst Interesse an einem schönen Ambiente. Nur: Seine eigene Verwaltung traut ihnen genau das nicht zu.

Lieber erklärt ihnen der Baudirektor, was gut für ihre Kunden ist, weil acht Verwalter das besser wissen. Und man sitzt daneben und denkt an das braune Haus und die doppelten Malerkosten und den Dechanthof. Bürokratieabbau? So? Und öfter handgemachte Musik, ohne Bürgerfest-Überlautstärke? Noch keine Entscheidung, ein Jahr ist dafür zu kurz. Wie lang wird’s dauern? Ja, mei. Irgendwann wird die Verwaltung auch da so weit sein wie andere Leute schon heut. Denn die Verwaltung kann sich bewegen. Die Verwaltung ist unsere Sonne.

Ursprünglich gings im vergangenen Sommer nur um kleine nichtbeige Zusatzschirme an heißen Tagen, das war’s. Dieses Bild heißt übrigens: Ohne Worte in Rot. Foto: Engel

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FW: Kein Weckmann im Wahlkampf

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