Volksfest muss auch weg

Ich war in Regen am Pfingstwochenende, auf dem Drumherum, diesem wunderbaren Musikfest. Ich will Regen nicht diskriminieren, aber normalerweise möchte man nicht tot überm Zaun hängen in Regen, darum ist es mir wichtig, gleich am Anfang zu sagen, dass dieses Musikfest wunderbar ist. Es ist so viel angenehmer als jedes Musikfest in der viellieben Heimatstadt, und ich will auch sagen, warum. Und warum solche Feste trotzdem keine Zukunft haben. Sie sind so unsensibel.

Auf dem Drumherum spielen hunderte Musiker, und das Erstaunliche ist: Die einen hier, 50 Meter weiter die anderen, und trotzdem gibt’s keine Kakophonie. Es ist unglaublich. Vielleicht hat es damit zu tun, dass sie keine riesigen Bühnen aufbauen mit diesen Wahnsinnsverstärkern wie anderswo. Die Musiker am Drumherum sind einfach nur da und machen Musik. Das reicht schon. Es ist richtig schön. Ich glaube, so sollte Musik sein.

Vielleicht ist das ein Irrglaube. Aber auch, falls es ein Irrglaube ist, ist es ein sehr schöner Irrglaube. Viele Menschen hängen ihm offenbar an: Überall Menschen, überall frohe Gesichter, alles entspannt, alles legér, und nicht ein einziges Mal habe ich eine Polizeistreife gesehen. Es war ein bisserl anders als ein Bürger- oder Volksfest in, sagen wir, Straubing. Aber natürlich hat so etwas keine Zukunft. Und zwar mit Recht nicht.

„Aufruf zur Gewalt gegen Schwiegermütter“

Es liegt an der Musik. Ganz konkret gesagt: Es liegt an den Liedern. Irgendwann komme ich nämlich an einer Kapelle vorbei und ich bemerke, dass die Menschen mitsingen. Dutzende Menschen singen einfach, und sie haben offenbar Freude. Und was singen sie? „Im Wald, da sind die Räuhäuber, Halli, Hallo, die Räuhäuber, und die machen jede Schwiegermutter kalt!“ Und einer von der Kapelle ruft: „Mit Gewalt!“

Das ist doch furchtbar. Ein Aufruf zur Gewalt? Zum Schwiegermuttermord? Und werden aus Worten nicht Taten? Ich hab das sofort verstanden, denn ich bin sensibilisiert. Ich bin einer, der achtsam geworden ist, selbstkritisch, sensitiv, und das liegt an der Gleichstellungsstelle Erlangen. Die hat ja jetzt eine Liste gemacht, welchen Lieder gar nicht mehr gehen. Die Liste hat sie den Wirten der Erlanger Bergkirchweih übermittelt, selbstverständlich nur als Bitte, mit Zensur hat das gar nichts zu tun. Aber ich habe die Botschaft verstanden. Und ich stimme zu.

Früher, als ich noch nicht achtsam war, war ich sogar auf Spider Murphy-Konzerten. Offen gebe ich zu: Ich habe „Skandal im Sperrbezirk“ mitgesungen. Heute weiß ich, dass das gar nicht mehr geht. Es steht auf der Liste der Gleichstellungsstelle Erlangen. Deshalb begreife ich heute „Und draußen vor der großen Stadt stehn die Nutten sich die Füße platt“ als eine verstörende Zeile. Verstörende Zeilen können viel Schaden anrichten. Wer das erst begriffen hat, hört die Welt anders. Er hört Verstörendes überall.

„Hinterhältig gemeuchelt“

Auf diesem Drumherum zu Beispiel, das so harmlos-heiter daherkommt wie „De Gamserl schwarz und braun“: Da verherrlicht ein Trio den heimtückischen Mord an einem Gamserl, und es ist vermutlich noch jung: „I dua mit niederducka und lass mei Stutzerl knoin“, singen sie heiter, „und wiari auffeschaug, do is oans owa gfoin“, und danach verhöhnt der ruchlose Schütze die ihm nachspürenden Hüter von Ordnung und Wild. Ich weiß die gesamte Tierschutzorganisation Peta hinter mir, wenn ich sage: Das ist doch nicht hinnehmbar.

Ein Tier wird gemeuchelt, und zwar aus dem Hinterhalt: Das ist nicht in Ordnung. Und Menschen besingen das? Wie fühllos kann der Mensch sein? Und dann diese Verherrlichung von Alkohol, wenn Hunderte freudig mitsingen, dass ein gewisser Franz auf die Vogelwiese geht, „weil er gern einen hebt“, und sich dort sinnlos betrinkt: „Früh am Tag war er noch frisch, doch abends lag er unterm Tisch!“ Wer einmal erkannt hat, wie menschen- frauen-, tier- und vogelwiesenfeindlich all diese Lieder sind, wird sich dem künftig verweigern.

Wollen wir hoffen, dass auch die Straubinger Gleichstellungsstelle recht bald eine Liste erarbeitet mit Liedern, die gar nicht mehr gehen, zunächst nur als Bitte natürlich. Der Mensch braucht Führung durch Menschen, die ethisch-moralisch besser sind, und „Heid is mei Oide gstorm“, das der Menzl immer so fröhlich spielt, gehört unbedingt auch auf die Liste, , s’Trutscherl auch und der Pfatterer Marsch sowieso. Es wird eine lange Liste werden, und überhaupt muss das ganze Volksfest weg. Alkohol kann Ehen, Familien und Lebern zerstören. Das Volksfest muss weg.

Weiter
Weiter

Kliem, die Linke und die AfD