Das große Bankgeheimnis
Das Geheimnis ist ums Eck weiter hinten. Foto: Engel
Ich habe eine kleine Geschichte entdeckt. Sie ist wirklich sehr klein, bitte erwarten Sie nicht allzu viel, und außerdem: Nun, da ich zu schreiben beginne, weiß ich noch nicht, wie sie endet. Wenn Sie also winzig kleine Geschichten nicht schätzen – vor allem solche, zu deren Beginn das Ende noch offen ist - , dann lesen Sie bitte nicht weiter. Ich will nicht, dass Sie enttäuscht werden. Aber es geht um die Sparkasse Niederbayern Mitte. Denn diese Sparkasse birgt ein Geheimnis.
Seit vielen Wochen schon brennt in einem Fenster der Sparkasse Niederbayern Mitte das Licht. Es ist in dem hinteren Gebäudeteil, das man durch die Jakobsgasse betritt. Die postalische Anschrift lautet laut Google Theresienplatz 11 – 17, obwohl der vordere Gebäudeteil Theresienplatz 22 ist, und der am Haupteingang Theresienplatz 12, allein das finde ich schon verwirrend. Und oben, im zweiten Stock von Theresienplatz 11 – 17, brennt ununterbrochen ein Licht. Es brennt jede Nacht. Es brennt jeden Tag. Es brennt 24/7, wie man heute sagt, und das tut es seit vielen Wochen. Warum jedoch tut es das?
Tag und Nacht: Es war fast wie das Ewige Licht. Foto: Engel
Aufmerksame Beobachter haben dazu zunächst „Ja, mei“ gesagt. Vielleicht macht jemand Nachtschicht, wurde vermutet, vielleicht sind die Börsen in Hongkong und Tokio grade ganz wichtig. Oder vielleicht ist jemand im Urlaub und hat aus Versehen vielleicht das Licht brennen lassen. Vielleicht wird nur grade geputzt. All das wurde verworfen. Denn niemand putzt wochenlang nur ein Büro und sonst keines. Niemand in der Sparkasse ist so viele Wochen am Stück im Urlaub. Und zu den Börsen in Hongkong und Tokio ist Folgendes zu sagen: So wichtig sind die für die Sparkasse Niederbayern Mitte nun auch wieder nicht. Was also dann?
Ein Fall Prudhomme? Oder nur ein Defekt?
Ist es denn möglich, dass in diesem Büro – und falls Sie sensibel sind und verstörende Inhalte nicht leiden können, lesen Sie bitte nicht weiter – der inzwischen mumifizierte Körper eines seit Wochen nicht mehr gesehenen Mitarbeiters sitzt? Es gibt den Fall der Denise Prudhomme, einer 60-jährigen Mitarbeiterin der Großbank Wells Fargo, die vor zwei Jahren in ihrem Büro in Tempe, Arizona, einen Herzstillstand erlitt, was erst nach Tagen entdeckt wurde. Aber erst nach Wochen? Nein, das ist unmöglich. Außerdem ist die Sparkasse Niederbayern Mitte gar keine Großbank. Deshalb: Eine Internet-Recherche.
In manchen Unternehmen, finde ich heraus, wird das Licht „in strategisch sichtbaren Büros bewusst angelassen“, um Einbrecher abzuschrecken. Aber ist denn das Büro in der Jakobsgasse „strategisch sichtbar“ im Sinne der Einbrecherabwehr? Oder ist einfach nur ein Bewegungsmelder defekt? Oder ein Schalter im Stromkasten? Oder: Ist dieses Büro ein Testraum für Server, der jederzeit leicht erreichbar sein muss? Das sind alles mögliche Gründe. Nur: Es erklärt alles nicht, warum in diesem Büro das Licht auch tagsüber brennt.
Allerdings gibt es oft verblüffend einfache Antworten auf auf seltsam wirkende Vorgänge. Ist das auch hier der Fall? Nur einen Weg gibt es, das herauszufinden. Ich rufe die Sparkasse an. Am Service-Telefon schildere ich, wo genau dieses Fenster ist, und ich hoffe dabei, dass niemand sagt, „Oh, darum hat schon seit Wochen keiner mehr unseren Herrn Müller-Lüdenscheid aus dem zweiten Stock gesehen! Und darum auch dieser täglich stärker werdende strenge Geruch!“ Doch zum Glück kommt es nicht diese Reaktion, eher im Gegenteil: Man zeigt sich zunächst überrascht.
Das Ende: Cliffhanger oder nicht?
Am Service-Telefon ist das Licht nicht bekannt. In der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit auch nicht. Aber, so sagt eine wirklich freundliche Mitarbeiterin zu mir, sie werde versuchen, das schnell herauszufinden. Dummerweise rufe ich aber an einem Freitagvormittag an. An Freitagvormittagen tut sich jeder Mensch schwer, etwas herauszufinden. Das stellt mich vor eine sehr schwierige Frage: Was, wenn die Antwort erst am Montag kommt?
Schreibe ich drauflos, ohne die Antwort zu kennen? Teile ich Ihnen und auch der Sparkasse Niederbayern Mitte meine krausen Gedanken ganz ohne Lösung mit? Oder warte ich geduldig bis Montag oder Dienstag, um dann eine vielleicht völlig einleuchtende Erklärung zu hören? Die Entscheidung ist schwierig. Aber ich treffe sie. Und ich schreibe sofort. Ich gehe das Risiko ein, dass eine Geschichte ohne Auflösung für Sie nicht befriedigend ist. Dass Sie vielleicht sagen, der Herr Engel hat meine Lesezeit vergeudet. Aber sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.
Außerdem ist es damit eine Geschichte mit Cliffhanger, bei der eine entscheidende Frage offen bleibt, so wie damals die Frage, wer ausgerechnet in Dallas auf J.R. Ewing schoss, es war am 11. Mai 1982. Aber ganz plötzlich, um 13.11 Uhr, kommt der Rückruf der Sparkasse: „War bloß ein Versehen“, sagt die freundliche Mitarbeiterin, „die Hausmeister kümmern sich drum“, und ich kann stolz sagen, dass ich dazu beitrug, dass nach sehr vielen Wochen ein Versehen aufgedeckt wurde. Mit dem Cliffhanger ist es damit vorbei, und dass es seine Geliebte war, hat man erst einen Monat später erfahren. Und dass eine so kleine Geschichte „Das große Bankgeheimnis“ heißt, ist doch von mir nur ein ganz übler Clickbait-Trick.
