Brennsuppn, hausgemacht

Brennsuppnschwimmen: Kann man machen, muss man nicht. Bild: ChatGPT

Eigentlich wollt ich nach dem Bauausschuss gestern noch in die Bürgerversammlung. Ich war auch kurz dort. Aber dann hab ich festgestellt: Ich hör gar nicht zu. Ich bin gedanklich noch bei diesem Stoffel-Gutachten zum Westpark. Das ist präsentiert worden von Dr. Gino Meier von der GMA München. Und da muss ich sagen: Ich bin in der Medienbranche seit 1987. Ich hab einige Gutachter erlebt. Aber so etwas? Wirklich noch nie.

Thema war ja, ob der Bebauungsplan für den Westpark so geändert werden soll, dass dort ein Vollsortimenter und Fachmärkte zulässig sind. Das Gutachten sollte sagen, wie sich das auf die anderen Supermärkte in Straubing auswirkt und dabei berücksichtigen, wie es sich auswirkt, wenn im Gäubodenpark der große Supermarkt kommt, den der Gäubodenpark will. Der Auftritt des Gutachters dazu war von der Art, die der normale Mensch umgangssprachlich „Der war ja Wahnsinn“ nennt.

Westpark? Städtebaulich ein Gewinn, sagt der Gutachter. Nimmt anderen zwar ein bisserl Umsatz weg, aber höchstens acht oder neun Prozent, sagt der Gutachter, grad noch unter der kritischen Zehn-Prozent-Grenze: Okay, das ist noch in dem von einem vom Westpark bezahlten Gutachter zu erwartenden Rahmen. Aber der Gäubodenpark: Da wirft der Mann Grafiken und Zahlen an die Wand von der Art, dass du denkst: Der Mann hält sein Publikum für ausgemachte Brennsuppnschwimmer.

Unglaublich: Ein Gutachter mit Glaubensfragen

Für Straubing Ost bis zu neun Prozent Rückgang. Landshuter Straße bis 31 Prozent. Schildhauer Straße: Bis über 40 Prozent minus. Alles überschrieben mit dem nahezu biblischen Wort: „Du sollst deinem Nachbarn nicht zu tief in die Tasche greifen.“ Der Gäubodenpark, ein Teufel, ein Dieb? Überhaupt scheut der Mann sich nicht, an den Glauben zu appellieren. „Glauben Sie, dass Straubing einen ‚High Level-Markt’ à la Unterföhrung benötigt?“, wirft der Gutachter an die Wand, oder: „Glauben Sie, dass Kaufland wegen gut laufender Geschäfte den Standort 2021 verlassen und verkleinert hat?“ Geht’s noch suggestiver? Und er behauptet, dass ein Standort, den ein Supermarkt verlässt, wohl kaum geeignet sei für einen anderen Supermarkt.

Einer, der solch einen Unsinn erzählt, soll ein objektiver Gutachter sein?Irgendwer sollte dem Mann bei Gelegenheit sagen, dass Kaufland auf ein Areal gezogen ist, das ein anderer Supermarkt zuvor verlassen hat. Kaufland ist trotzdem hin. Dann hat es das alte Gebäude plattgemacht und neu gebaut. Das hat es deshalb getan, weil das alte Gebäude komplett veraltet war. Im Gäubodenpark hat Kaufland das nicht machen können. Es war nämlich nicht Eigentümer.

Kaufland hat den Gäubodenpark nicht verlassen, weil dessen Lage schlecht ist. Sondern weil dort alles veraltet und im Sanierungsstau war. Jetzt ist ein neuer Eigentümer im Park. Der will dort sanieren. Der macht genau das, was Kaufland auch gemacht hat. Aber was sagt der Stoffel-Gutachter? Stellt verschiedene Szenarien vor, und alle enden gleich: „Die Revitalisierung des Gäubodenparks in der geplanten Form führt zu städtebaulich und versorgungsstrukturell nachhaltigen Beeinträchtigungen.“

Weiß das der Gutachter nicht?

Weiß der Mann nicht, dass Kaufland im Gäubodenpark satte neun Jahre lang gleichzeitig mit der Schildhauer- und Landshuter Straße war, und pleite gegangen ist niemand? Natürlich kann man glauben, dass die Revitalisierung des Gäubodenparks in der geplanten Form der Untergang der übrigen Straubinger Supermärkte ist. Man kann ja auch glauben, dass man auf einer Brennsuppe sehr gut daherschwimmen kann. Aber man muss das nicht glauben.

Zu der „Glauben Sie“-Stelle hat übrigens auch der OB gesagt, dass das schwach ist, wenn ein Gutachter so etwas raushaut. Und weil es um Glauben geht: Ich glaube, dass selbst die härtesten Stoffel-Befürworter diesen Gutachter-Aussagen einigermaßen fassungslos gelauscht haben. Aber letztlich: Grundsätzliche Zustimmung zur Bebauungsplan-Änderung. Der OB mit CSU, SPD, FW und AfD dafür, nur Grüne, ÖDP und Linke dagegen.

Ein tatsächlich starkes Argument war aber der Sport-Fachmarkt von Erdl: „Nicht zukunftsfähig in der Innenstadt“, sagt die Familie Erdl, „ohne die Westpark-Perspektive müssen wir zusperren.“ Das ist das Ass, das Stoffel im Ärmel hat: Der Westpark rettet ein traditionsreiches Straubinger Familienunternehmen. Die Rettung von Erdl ist die große emotionale Geschichte, die jetzt von allen auf der Stoffel-Seite erzählt werden wird. Vermutlich ist es sogar die Wahrheit, dass Stoffel Erdl rettet und, wie man hört, die Erdl-Immobilie am Pfarrplatz kauft. Vielleicht nicht ganz uneigennützig, aber doch eine Rettung für ein Straubinger Familienunternehmen. Wer könnte dagegen etwas sagen? Aber wie Stoffel seinen Gutachter gegen den Gäubodenpark schießen lässt: Das ist nur peinlich.

Hätte, hätte, Fahrradkette“

Der Gäubodenpark-Eigner, Modulus-Chef Carl-Christoph Pieper aus Hamburg, war übrigens auch da. Es waren ziemlich genau zwanzig Zuhörer, das sind ziemlich genau zwanzig mehr als üblicherweise, Stoffel-Vertreter natürlich auch. Was der Modulus-Chef über diese Sitzung wirklich gedacht hat, kann ich nur ahnen. Aber ich glaube, dass er fassungslos war. Ich hab ein bisserl rumgehört hinterher, viele waren fassungslos. Pieper selbst sagt auf meine Frage nur, dass er schon erstaunt war, dass er aber gerne zu einem Gespräch mit Stoffel bereit wäre.

Vielleicht wäre es tatsächlich ein guter Weg, miteinander zu reden, statt das Projekt eines anderen niederkartätschen zu lassen auf eine Art, die man abstoßend nennen kann. Ich verstehe, dass Sport-Erdl eine Lösung braucht, weil es so ist, wie OB Markus Pannermayr sagt: Dinge ändern sich, ein Sportgeschäft auf vier Ebenen, ohne Parkplätze, hat wenig Zukunft. Es ist aber auch so, dass der Westpark mit Baumarkt das unternehmerische Risiko von Stoffel war und dass bis vor zwei Jahren glasklar war, dass noch ein Supermarkt dort komplett überflüssig ist.

Der Punkt ist: „Hätte, hätte, Fahrradkette.“ Hätte nach dem Baumarkt-Aus das Baureferat vor einem Jahr klar kommuniziert: „Das Aus tut uns leid. Aber noch ein Supermarkt ist hier rechtlich nicht möglich“, dann hätte Stoffel einen anderen Ankermieter gesucht und auch gefunden. Erdl hätte zu diesem anderen Anker in den Westpark wechseln können und wäre gerettet gewesen. Und der Straubinger Politik wäre eine unsägliche Diskussion erspart geblieben. Aber diese klare Linie war nicht da. „Nur Einzelentscheidungen statt Gesamtstrategie“, nennt es Grünen-Chefin Feride Niedermeier, „und dann muss mühsam begründet werden.“ Mit anderen Worten: Die ganze Brennsuppn ist dermaßen hausgemacht.

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Bauausschuss: Argumente?