Wer will was, wer wird was?

Passt doch ganz gut zum Thema, irgendwie.

Das Interessanteste an einem Wahlabend ist ja die Zeit nach dem Wahlabend. Man kann so schön drauflos spekulieren. Die Frage ist ja: Was heißt das denn alles? Wo kommen die AfD-Stimmen her, wer wird Koalitionspartner der CSU, und wer erbt das dritte Bürgermeisteramt vom scheidenden Werner Schäfer? Wer hat Ambitionen, und wer hat Chancen? Ich glaube, in der Verlosung sind folgende Namen: Stranninger, Solleder, Frischhut, Dilger oder Ritt.

Dass Markus Pannermayr wieder mit der SPD will und deshalb ein Bürgermeisterposten wieder an die SPD geht, gilt als sicher. Die SPD ist seit 18 Jahren der Juniorpartner, und sie hat wieder fünf Sitze. Das reicht der CSU zu einer Mehrheit, auch wenn die SPD ab und zu uneinig ist. Und wer in der SPD wird Schäfers Nachfolge antreten, und wird es der zweite oder der dritte Bürgermeister sein? Meine Prognose: Diesmal wird es der zweite Bürgermeister sein, Favorit darauf ist Peter Stranninger, und danach wird es spannend.

Die CSU ist um einen Sitz schwächer. Freie Wähler und Grüne sind auch geschwächt und weniger berechenbar. Also kann die SPD fröhlich drauflos fordern, mehr als bisher, ähnlich wie in Berlin. SPD-Chef und Neustadtrat Marvin Kliem hat das schon angedeutet. Zu engel-sr.de sagt er: „Die CSU ist mit uns sehr gut gefahren. Aber es ist auch klar, so wie bisher geht’s nicht mehr. Wir werden schon unsere Themen mit reinbringen.“

Was die SPD fordern kann

Dieses Statement ist interessant. Die neue SPD-Fraktion wird linkslastiger sein als bisher. Statt des eher konservativen Sozialdemokraten Werner Schäfer ist jetzt Marvin Kliem im Stadtrat, der junge SPD-Chef, eher linker Flügel und mit sozialen Themen: Wohnungsbau, Gebührenentlastungen, soziale und Kulturhilfen, das sind die Themen, die Geld kosten. Auf der eher konservativen SPD-Seite sind nur noch Peter Euler und Bernd Vogel, der aufgrund seiner Größe gelegentlich Der Unüberwählbare genannt wird. Die Kliem-SPD wird aber Zugeständnisse wollen, die Pannermayr kaum zugestehen kann, der Haushalt ist dummerweise ja stark von Schwindsucht gezeichnet. Aber insgesamt dürfte Pannermayr die SPD als den leichteren Partner sehen.

Falls Pannermayr und die SPD einig werden, dürfte der bisherige OB-Kandidat Stranninger das Erstzugriffsrecht auf ein Bürgermeisteramt haben. Wenn die SPD den zweiten Bürgermeister für sich aushandelt, bleibt für die CSU nur der dritte. Das wird dann wer sein? Bei solchen Entscheidungen geht es immer auch um das persönliche Wahlergebnis. Albert Solleder, bisher der zweite, hat seinen zweiten Platz gehalten. Aber er wird heuer 67. Noch einmal Bürgermeister? Eher unwahrscheinlich.

Vor der Wahl ist Katharina Dilger, 35, als Favoritin gehandelt worden: Jung, mit Listenplatz 3 eine der wenigen gut platzierten Frauen, eine Zukunftshoffnung; außerdem sollen hinter ihr die immer noch einflussreichen Grande Dames der Partei stehen, Inge Müller und Maria Stelzl. Aber diese Wahl war ein Rückschlag: Von 3 auf Platz 6, hinter Holger Frischhut (hält Platz 4), Franz Schreyer (hält Platz 5) und Christian Ritt (von 10 auf 3 vorgewählt). Das reduziert Dilgers Chancen.

Planungsbeginn für die Nach-Pannermayr-Zeit

Auch Holger Frischhut soll Ambitionen haben. Als Fraktionschef hat Frischhut eine starke Position. Sein Nachteil: In der CSU wird ab sofort auch über die Nach-Pannermayr-Zeit nachgedacht. In der Partei rechnet niemand damit, dass Pannermayr noch einmal antritt. Wer käme als Nachfolger in Frage? Frischhut ist 54, der gleiche Jahrgang wie Pannermayr. Damit rückt Christian Ritt in den Blickpunkt.

Holger Frischhut, Katharina Dilger, Christian Ritt

Ritt ist neben Katarina Dilger der einzige bekannte Name aus der jüngeren CSU, und Dilger hat Boden verloren. Ritt hat Boden gewonnen. Er hat ein Spitzenergebnis, und er ist erst 33. Deshalb gilt Ritt vielen als möglicher Kronprinz für die OB-Wahl 2032. Andere Namen aus der jüngeren Generation tun sich nicht hervor, und JU-Chef Patrick Altmann ist von Platz 7 auf 18 gestürzt und kommt nur in den Stadtrat, weil Listenführer Pannermayr als OB sowieso drin ist. Wenn Christian Ritt Interesse am Bürgermeister anmeldet, wird es wohl schwer für Frischhut.

Als CSU-Kreischef muss Markus Pannermayr jetzt Interesse daran haben, dass ein Kandidat für 2032 aufgebaut wird. Ein Aufbauplatz könnte auch der Fraktionsvorsitz sein. Das funktioniert aber nur dann richtig gut, wenn der Fraktionschef zugleich Oppositionsführer ist. Also wird der Aufbauplatz eher der dritte Bürgermeister-Posten sein. Der garantiert viele Fotos und Namensnennungen in der Presse, und das ist sehr gut.

Sehen so Sieger aus?

Wer also wird’s neben Stranninger? Holger Frischhut, 54, als Fraktionschef der politisch Erfahrenste? Katharina Dilger, 35, mit Müller und Stelzl im Rücken? Oder Christian Ritt, 33, mit seinem Wahlerfolg? Und noch die Frage: Wo kommen die AfD-Wähler her?

Die Wahlbeteiligung ist um 4,5 Prozentpunkte gestiegen. Die CSU holt nur 42,8 Prozent, ein Minus von 3,8 Prozent, seit 2014 ein Minus von 11 Prozent und nur noch 17 Sitze: Ihr schlechtestes Ergebnis seit mindestens 1966. Doch in absoluten Zahlen hat sie sogar 2 500 Stimmen mehr geholt als 2020. ÖDP und Freie Wähler verlieren prozentual nur im Nullkomma-Bereich, in absoluten Zahlen gewinnen sie leicht. SPD und Linke gewinnen deutlich, in Prozenten und absolut. Von ihren 35,5 Prozent noch 2002 ist die einst große SPD aber himmelweit weg. Die Grünen dagegen haben gut 12 000 Stimmen verloren, minus 3,1 Prozent. Sie dürften meist bei SPD und Linken gelandet sein und die AfD-Stimmen hauptsächlich von bisherigen Nichtwählern kommen.

Eine Idee, wie man Wähler von der AfD zurückholen kann, hat offensichtlich keiner, nicht die Sieger, nicht die Verlierer, und vielleicht fehlt der CSU jetzt ein Stimmenbringer am rechten Flügel wie Hans Ritt. Nur Wehgeschrei und ständige Klage, wie unwählbar die AfD ist, wird als Gegengift aber nicht reichen, so wenig wie die Genauigkeit, mit der man AfD-Flyer als inkompetent überführen kann. Aber offenbar reicht das für das wohlige Gefühl, dass man selbst auf der richtigen Seite steht. Wäre das die Lösung, wär’s ja gut. Nur leider überzeugt das nur die schon Überzeugten. Die ideenlose Mitte muss also froh sein, wenn Nichtwähler nicht wählen. Für eine Demokratie ist das seltsam.

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Sieger, Verlierer, Ratlose