Wie schlimm ist das denn?
Bild: ChatGPT
Angenommen, ich wäre Teil eines Rankings mit 400 Personen zur Ermittlung der Dynamik dieser 400, und ich wäre auf Platz 140, dann würde ich sagen: Fast noch vorderes Drittel, basst scho, okay. Ich muss ja nicht ganz vorn sein. Wenn ich dann aber, nur zwei Jahre später, nur noch Fünfletzter wäre, käme ich ins Grübeln, und ich würde mich fragen: Was ist passiert mit meiner Dynamik? Wo ist sie geblieben? Genau das ist Straubing passiert. Aber was genau sagt das aus?
Alle zwei Jahre macht das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln ein Regionalranking. Untersucht werden alle kreisfreien Städte und alle Landkreise. Insgesamt sind das 400. Das Ranking ist zweigeteilt. Es gibt ein Niveau-Ranking zur Leistungskraft, und es gibt ein Dynamik-Ranking. Das sagt, wie gut eine Region sich entwickelt. Im Niveau-Ranking ist Straubing immer noch gut. Zwar 41 Plätze schlechter, aber mit Platz 142 immer noch leicht überm Durchschnitt. Und in der Dynamik? 256 Plätze verloren. Von 140 runter auf 396. Kompletter Absturz? Ich bin erst erschrocken. Aber was soll ich sagen? Es ist alles relativ.
Keine Suppe wird so heiß gegessen wie sie gekocht wird, sagt der erfahrene Koch, und im Fall dieses Rankings ist das Dr. Vanessa Hünnemeyer vom IW in Köln. „Man darf das nicht überbewerten“, sagt sie, „aber man sollte das beobachten.“ Der Hauptgrund für diesen Dynamik-Absturz liegt ja offen zutage. Es ist die allgemeine Krise der Autozuliefer- und Maschinenbau-Branche, und diese Branche ist das Rückgrat der Straubinger Wirtschaft. Lange war das ein Vorteil. Jetzt ist es das nicht mehr.
Es ist ein Warnsignal
Strama baut Arbeitsplätze ab, Antolin ebenso, auch andere in dieser Branche in Straubing haben Probleme. Straubings Industrie ist wesentlich stärker von Auto- und Machinenbau geprägt als zum Beispiel Passau. Wenn BMW hustet, bekommen mehr Unternehmen in Straubing die Grippe als Unternehmen in Passau. Aber es gibt noch andere Negativentwicklungen. „Wir sehen relativ viel Nettoabwanderung aus Straubing“, sagt Dr. Hünnemeyer, „eine Verschlechterung beim Gewerbesaldo, eine Verschlechterung bei der ärztlichen Versorgung, eine Zunahme bei privater Überschuldung.“
Wie es um diese Punkte genau bestellt ist, lässt sich auf einen Blick leider nicht nachvollziehen. Im letzten vorliegenden Jahresbericht 2023 der Stadt war das Saldo noch ganz leicht positiv. Aber dann ist der Statistische Jahresbericht leider eingestellt worden. Straubing war lange überdurchschnitttlich besetzt mit Ärzten, aber zwischen 2018 und 2023 nehmen die Allgemeinärzte ab. Ob die Zahl nach 2023 weiter geschrumpft ist, ist ebenfalls unklar, aber offenbar ist sie das. Der Statistische Jahresbericht war, nebenbei bemerkt, auch eine Statistik, die Dynamik und Leistungsstand der Stadt gut gezeigt hat. Aber jetzt ist er weg, eingespart. Irgendwie passt das zum Thema.
Wenn bisherige Stärken schlechter werden, kostet das mehr Plätze im Dynamik-Ranking als im Wirtschaftskraft-Ranking. Der Dynamik-Absturz sieht damit übler aus als er ist. Aber er ist ein Warnsignal. Besonders die Auto- Zulieferer und Maschinenbauer müssen neue Felder finden. Es geht um den Einstieg in neue Themen wie Medizintechnik, Rüstungsindustrie, Recycling, Greentech und KI. Bei Gluth Straubing war kützlich ein KI-Netzwerktreffen, Sonplas ist schon seit Jahren in der Medizintehnik engagiert, auch im Verteidigungsbereich. Es geht um Neuausrichtung, um Transformation.
Gut wäre: Mehr Startups
Aber Transformation ist nicht einfach, manche sind spät dran, und erste Voraussetzung für eine neue Dynamik ist immer das unternehmerische Handeln selbst. „Maschinenbau“, sagt Vanessa Hünnemeyer vom IW, „ist anschlussfähig an viele Branchen.“ Das ist eine Chance. Das heißt aber auch: Die Unternehmen selbst müssen Marktlücken sehen und besetzen. Doch das ist nicht alles.
Die Rahmenbedingungen sind gerade jetzt schwierig. Der Kostendruck ist hoch, die Energiepreise auch, das bürokratische Regulierungsniveau sowieso. Wer in neue Produktionen einsteigt, muss durch lange Prüf- und Genehmigungsverfahren. „Überall gibt es Berichtspflichten wie das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz, und die Konkurrenzsituation nimmt zu“, sagt Josef Schosser von der IHK Niederbayern: „Die Chinesen bauen ja nicht mehr nur nach. Die entwickeln jetzt selber.“ Der Kampf im Markt wird härter. Sein Fazit: „Es ist schwierig.“
Hilfreich wäre, träte die TU München in Straubing noch stärker auf. Die Verzahnung von Wissenschaft, Forschung und Industrie ist ausbaufähig. Mit dem Biocampus im Hafen Sand und auch Fraunhofer hat die Stadt Themen mit Potential. Aber da ist noch zu wenig sichtbar. Noch gibt es zu wenige Startups aus dem Forschungs- und Wissenschaftsbereich. Und dann wäre für eine neue Dynamik in Straubing und im ganzen Land generell ziemlich gut, wenn „Bürokratieabbau“ nicht nur ein Wort bliebe. Ja, das wäre gut. Aber wie Lothar Matthäus einmal sehr richtig bemerkt hat: Wäre, wäre, Fahrradkette.
