Steiningers Teufelsrad
Wie auf der Reeperbahn: Wer sitzt denn da so freizügig im Schaufenster?
Ich will keine schlafenden Hunde wecken, das ist in Straubing Aufgabe der Unteren Denkmalschutzbehörde, wenn sie, wie vergangene Woche, wieder einmal eine Gastronomie irritiert mit bürokratischen Hinweisen auf eine Mobiliar- und Sonnenschirm-Meldepflicht. Aber das ist eine andere Geschichte. Nur: Warum soll in Straubing nur eine Behörde schlafende Hunde wecken, Pferde scheu machen und unnötig Staub aufwirbeln dürfen? Warum nicht auch ich? Ich kann das auch ziemlich gut. Und weil ich das kann, tu ich das jetzt.
Sie kennen diese Diskussion um diese Figuren am Oktoberfest-Teufelsrad. Es sind Pappmaché-Puppen mit einem Pappmaché-Dekolleté, und das seit Jahrzehnten. Da hat die Münchner Gleichstellungsstelle jetzt eingreifen müssen, und zwar noch stärker als die Erlanger Gleichstellungsstelle beim Skandal im Sperrbezirk in diesem Frühling, und die Pappmachè-Dekolletés haben übermalt werden müssen. Damit zum Steiningers-Fenster in der Jakobsgasse. Sie werden schockiert sein: Eine Pappmaché-Puppe? Dekolletiert in einem Schaufenster sitzend? Da wird sofort sichtbar: Skandal im Steiningers!
An dieser Stelle werden Sie vielleicht sagen: „Aber Herr Engel, auf jedem CSD laufen echte Menschen weitaus tiefer dekolletiert rum als diese Pappmaché-Figuren am Teufelsrad und im Steiningers. Wo ist das Problem?“ Da haben Sie recht, aber nur fast. Es laufen auf jedem Christopher Street Day echte Menschen sehr viel dekolletierter herum. Aber diese echten Menschen tun das wegen der Liberalität, und wegen der Toleranz, und damit wir sehen, wie frei wir heutzutage sind. Das ist doch gut. Aber diese offenherzigen Pappkameradinnen? Die sind ja gar keine echten Menschen.
Wir haben ein Recht auf Gleichstellung!
Und weil sie gar keine echten Menschen sind, sind diese Pappmaché-Puppen in München mit Recht ein Fall für die Gleichstellungsstelle. Damit sind wir nun endlich angekommen an jenem Punkt, an dem ich den schlafenden Hund wecke: Denn wenn das so ist, muss diese Dekolleté-Pappmaché-Dame aus dem Steiningers-Fenster auch ein Gleichstellungsfall sein. Und zwar für die Straubinger Stelle. Sonst ist es ja ungerecht.
Links: Der Skandal am alten Teufelsrad. Rechts: Teufelsrad neu, nahezu nonnenhaft zeitgemäß gleichgestellt.
Wir haben ein Recht darauf, gleichgestellt mit München zu werden, denn München ist auch nicht besser als wir, außer vielleicht bei der Einwohnerzahl. Aber doch nicht bei Pappmaché! Außerdem erinnern Damen, die mit Dekolleté in Schaufenstern sitzen, an Hamburg und seine Reeperbahn, und von mir aus auch noch an Amsterdam, wo – bitte, ich hab’s nur gehört, ich war nie in Amsterdam – auch Damen in Schaufenstern sitzen sollen.
Es sollen aber echte Menschen sein, die in Amsterdam sitzen, darunter auch Frauen und Männer. Und alle sollen dem uralten Beruf der/des Prostituierten nachgehen. Das ist ein anerkannter Beruf schon seit dem 1. Januar 2002, und ein Dekolleté ist hier Arbeitskleidung. Dass nun in der Jakobsgasse eine tief dekolletierte Mappmaché-Figur, die eigentlich gar nichts zu tun hat, diesen Beruf nachahmt, ist ungut. Ich glaube, dass das kulturelle Aneignung ist. Und wenn nicht kulturelle Aneignung, dann doch professionelle Aneignung. Und wenn nicht Aneignung, dann doch Nachahmung. Was es auch ist: Politisch ist das nicht korrekt.
Straubing würde bundesweit berühmt!
Echten Pappmaché-Puppen ist Prostitution letztlich nämlich wesensfremd. Das unterscheidet sie von den Gummipuppen, die sogar aufblasbar sind, 24,99 Euro kosten und Lusty Lola, Dolly Black oder Miss Layla heißen. Für Layla gibt es übrigens ein von Gleichstellungsstellen ungeliebtes Lied. Über Pappmaché-Puppen gibt es kein solches Lied. Aber nur, weil einer Puppe Prostitution wesensfremd ist unnd es kein Lied gibt, heißt das noch lange nicht, dass sie ein Dekolleté haben darf wie echte Menschen auf dem Christopher Street-Day im westfälischen Herne, von dem es sehr hübsche Fotos im Internet gibt.
Ich weiß nicht, was die Wirtin dazu trieb, eine unschuldige Pappmaché-Puppe so dermaßen unübermalt ins Schaufenster zu setzen, als sei hier nicht die Jakobsgasse, sondern die Reeperbahn. War ihr das Teufelsrad nicht Warnung genug? Darum mein Appell: Straubinger Gleichstellungsstelle! Schließ dich dem seltsamen Treiben deiner Erlanger und Münchner Kolleginnen an! Setze dem unguten Treiben im Steiningers-Fenster ein Ende! Das hilft ganz Straubing, denn dann wird auch unsere Stadt bundesweite Beachtung finden!
Für den Tourismus kann das nur gut sein, wo doch die Flusskreuzfahrt grade darniederliegt. Außerdem steht die Jakobsgasse auch unter Ensembleschutz. Da könnten Denkmalschutz und Gleichstellungsstelle sogar gemeinsam ein paar wunderbar sinnfreie Schreiben schreiben zum Thema Sexismus am Baudenkmal, und ich finde: Was man tun kann, soll man auch tun. Schlafende Hunde, macht endlich die Pferde scheu! Wirbelt den Staub auf, und Bürokratieabbau machen wir später.
