Prinzregententorte

Ich glaube, es sind die ganz kleinen Momente im Leben, zum Beispiel am heutigen Freitagnachmittag. Ich gehe über den Ludwigsplatz und zum ersten Mal überhaupt fällt mir der Standwagen der Backstube Grabmühl von Christine Bichlmeier aus Wiesenfelden auf. Ich trete näher und sage „Griaßgod, i schaug bloß.“ Und ich frage, wie lang sie überhaupt schon in Straubing steht.

„Zwei Jahre“, sagt sie, „jeden Freitag“, und ich staune. Entweder bin ich nie am Freitagnachmittag auf dem Ludwigsplatz oder ich hab überhaupt keinen Überblick mehr, das wäre ja furchtbar, und wir plaudern ein bisserl darüber, wie furchtbar es ist, wenn man die wichtigen Dinge gar nicht mehr mitkriegt, obwohl diese Dinge offen vor aller Augen liegen. Da fällt mein Blick auf das Schwarzwälder Kirschtörtchen.

Sofort lasse ich mir beschreiben, was unter dem Schokoguss ist: Biskuitschicht, Buttercremeschicht, Kirsch, es klingt gut. Doch daneben steht: Eine Prinzregententorte.

Die einzig richtige Antwort für einen I-Dipferl-Scheißer

Eine Prinzregententorte ist eine feine Sache, man kann nichts falsch machen mit Kauf und Verzehr einer Prinzregententorte. Aber das gilt für eine Schwarzwälder Kirsch ganz genauso. Es ist ein Kreuz, und weil es ein Kreuz ist, sage ich sinnend: „Prinzregenten oder Schwarzwälder Kirsch? Ich kann mi etz grad so schlecht entscheiden.“ Dann schweige ich kurz, starre die Prinzregenten an, und dann sage ich: „Wissens, i bin nämlich a I-Dipferl-Scheißer.“ Wie aus der Pistole geschossen kommt darauf von ihr: „Es san acht Schichten.“

Vor Freude hat’s mich fast umgehauen. Ich war erst baff und dann glücklich für einen Moment. Denn es ist so: Wenn man vor einer Prinzregententorte steht und „Wissens, i bin nämlich a I-Dipferl-Scheißer“ sagt, dann ist die einzig richtige Antwort, die einzige, die legitim und zulässig ist: „Es san acht Schichten.“ Denn eine Prinzregententorte muss acht Schichten haben. Das ist absolut zwingend. Es müssen acht sein. Denn eine Prinzregententorte ist eine Prinzregententorte.

Die Prinzregententorte wurde erfunden vom Münchner Konditor Heinrich Georg Erbshäuser, und zwar im Jahre 1886 anlässlich des 65. Geburtstags des Prinzregenten Luitpold. „Des wissen die meisten nimmer“, sagt Christine Bichlmeier, „dass des acht Böden san, weil jeder Boden für an bayerischen Regierungsbezirk steht und Bayern unter dem Prinzregenten acht Regierungsbezirke ghabt hat.“ Sie weiß das noch, weil sie eine gelernte Konditormeisterin ist, die in ihrer Ausbildung das noch gelernt hat.

Und im Klarl weiß man das auch

Nicht mehr viele Konditormeister wissen das heute. Viele machen die Prinzregententorte heute mit sieben Böden, weil sie nicht mehr wissen, dass der Prinzregent nicht über sieben Regierungsbezirke gebot, sondern über acht. „Wieso?“, sagen heute manche Konditormeister, „sieben stimmt doch, weil Bayern sieben Regierungsbezirke hat?“

Aber es ist eben keine Regierungsbezirkstorte und auch keine Freistaat Bayern-Torte, sondern eine Prinzregententorte, und der Prinzregent gebot nicht über sieben Bezirke, sondern über acht. Der achte war die Rheinpfalz, Hauptstadt war Speyer, und weil das so war, sind in den historischen Fenstern der Weinstube Klarl die Wappen von acht bayerischen Regierungsbezirken zu sehen und nicht von sieben.

Es sind die ganz kleinen Momente im Leben, die Spaß machen, zum Beispiel, wenn man ein I-Dipferl-Scheißer ist und ganz unvermutet auf eine Prinzregententorte mit acht Böden trifft und auf eine Konditormeisterin, die noch genau weiß, warum; Sie vermuten übrigens richtig, wofür ich mich entschieden habe im Zwiespalt zwischen Schwarzwälder Kirsch und Prinzregententorte.

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