Perlen Straubings: Steinergasse
Kürzlich marschier ich wie jeden Tag durch die Steinergasse. Da fällt mir auf, wie viel Leerstand sogar in dieser Top-Gasse schon ist: Fünf Läden gleichzeitig leer. Das ist völlig neu. Grad die Steinergasse war doch immer eine unzerstörbare Perle, eine echt tolle Einkaufsgasse. „Boah!“, hab ich wörtlich gedacht, „wenn’s schon in der Steinergasse so ist, wird’s aber allmählich echt eng für den Einzelhandel.“ Und ich hab gegoogelt, wie eigentlich andere Städte mit ihren Leerständen umgehen. Das Ergebnis war: Interessant.
Man kommt dann sehr schnell auf Hanau, knapp 100 000 Einwohner. Hanau wird gefeiert als Musterbeispiel für erfolgreiches Leerstandsmanagement. Der Erfolg dort ist so: Die Stadt kauft Immobilien und vermietet dann günstig, oder sie mietet selber zum marktüblichen Preis. Dann vermietet sie weiter, weit unter Marktpreis. Dann ist der Leerstand weg, sagen sie in Hanau, und von den günstigen Mieter kommt dann ja Gewerbesteuer, und dann rechnet sich das, irgendwie. Ich glaube das nicht.
Wenn ein Einzelhändler nur weit unter der ortsüblichen Miete zahlen kann, wird seine Gewerbesteuer eher auch nicht so toll sein. Die leere Galeria Kaufhof-Filiale zum Beispiel hat Hanau für 25 Millionen gekauft und für 40 Millionen saniert. Dass Hanau dieses Geld auch nur annähernd wieder einspielt, glaubt ernsthaft wohl keiner. Fünf Millionen hat die Stadt in andere Leerstandsverhinderungs-Projekte gesteckt, also 70 Millionen insgesamt. Dafür hat die Stadt gut fünf Millionen an Zuschüssen bekommen. Damit ist zwar Leerstand weg, weil neue Billigmieter da sind. Aber in Hanau wird damit nur kaschiert. Sonst wäre Regensburg ja schön blöd, wenn es die dortige Galeria Kaufhof nicht kauft.
Steuerlich vielleicht sogar gut?
Ein Leerstandsmanagement wie Hanau kann sich Straubing sowieso nicht leisten. Das ist das Gute an einer finanzschwachen Stadt: Wer wenig Geld hat, kann nicht viel zum Fenster raus werfen. Aber was wird dann aus der Steinergasse? Räuber & Komplizen in die Fraunhoferstraße, weil die Fläche dort kleiner und günstiger ist. Kult ganz weg aus Straubing, Brillenlust auch. Und Schuh Hofbauer geht lieber in den Gäubodenpark, wo es Parkplätze gibt, obwohl den Gäubodenpark manche Stadträte schon totgesagt haben. Und unten am Eck wartet ein frisch saniertes Eckhaus, dass endlich ein Mieter kommt.
„Zu hohe Mieten“, sagen die einen, „zu viel Lieferverkehr“, sagen die anderen, „Zu wenig Konsumbereitschaft, zu wenig Parken“, sagen die dritten, „der Online-Handel“, sagen alle miteinander. Wahrscheinlich hat jeder Recht. Egal, was der Grund ist, letztlich läuft es auf Eines hinaus: Die Goldene Zeit des Einzelhandels ist vorbei. „Der bleibt uns immer“, sagt ein Einzelhändler zum Leerstand, „den kriegst du nimmer weg.“
Natürlich kann man’s probieren. Aber irgendwann muss der Laden saniert werden, und Sanieren ist teuer. Ein Quadratmeterpreis von deutlich unter 20 Euro ist dann nicht mehr wirtschaftlich für den Vermieter, und über 20 Euro nicht für den Mieter. Also Leerstand. Viele Vermieter finden das günstiger. Das Haus ist ja abbezahlt, und wenn im oberen Stockwerk Wohnungen vermietet sind, bringt das mehr Geld als eine Ladensanierung. Wenn das Haus einer Erbengemeinschaft oder einer auswärtigen GmbH gehört, ist Leerstand steuerlich vielleicht sogar gut.
„Die guten alten Zeiten“
Vielleicht würden Start Ups der Innenstadt helfen, junge Leute mit einer Geschäftsidee. So wie Fräulein Bagel vielleicht in der Jakobsgasse, ein schönes kleines Cafe, geschmacksicher eingericht, Bagels aus eigenem Teig. Oder Handwerker mit kleinen Läden wie der Schuhmacher Maier in der Ottogasse. Aber Roland Maier ist Mitglied der Boomer-Generation. Jüngere Leute wären notwendig, aber Millenials gibt es nur halb so viele. Die Start Ups, die man aus dem TUM-Campus erhofft, sind auch noch kaum da. Das ist kein Wunder. Von knapp 1 200 Studenten sind gut 800 aus Indien, China und Sonstwoher. Nach ein, zwei Jahren gehen die wieder. Da bleibt für Straubing nicht viel.
Wenn es solche Start Ups gäbe, wären sie vielleicht auch mit einem unsanierten Laden zufrieden, weil der günstig wäre. Was also dann? Gefragt wäre Wohnraum. Aber Wohnraum verlangt Parkraum, zumindest mehr als bisher, und Umbau in Wohnungen ist auch ziemlich teuer. „Mehr Gastro, weniger Läden“, ist die Prognose eines Geschäftsmanns. Das wäre nicht schlimm: Schon vor hundert Jahren war Straubing voll Gastro, in der Parfümerie Douglas, in der Sparda Bank, im Eckhaus unten an der Steinergasse. Wirtshaus war überall.
Der Punkt ist der: Es gibt zu viel Verkaufsfläche im Einzelhandel. Das ist überall so, und besonders in Straubing, bei Supermärkten übrigens auch. Jahrzehnte war alles nur Wachstum. Aber das ist vorbei. „Aus der Nummer“, sagt ein Branchenkenner, „kommen wir nicht mehr raus.“ Ein Leerstandsmanagement wird das nicht lösen, nicht in Hanau, nicht in Straubing. Das kann bestenfalls vermitteln, wenn irgendwann doch ein Interessent anfragen sollte, wer eine leere Immobilie besitzt. „Jetzt“, hat Peter Ustinov einmal gesagt, „sind die guten alten Zeiten, nach denen wir uns in zehn Jahren zurücksehnen“, und ich bin nur ein Boomer, der durch eine Gasse geht, die er schon voller gesehen hat.
