Hilfe, es gibt ein Foto!

Es ist dieses Foto.

Donnerstagmittag, ich geh über den Theresienplatz und hör eine Lautsprecherstimme. „Ah“, denke ich, „eine Kundgebung, Wahlkampfendspurt, da geh ich hin.“ Aber: Es war gar keine Kundgebung zu unserem kleinen Wahlkampf in der viellieben Heimatstadt. Es war viel größer. Es ging um mehr. Es ging - und ich glaube, ich übertreibe nicht, wenn ich das sage - um alles: Um Krieg und Frieden. Also Leben und Tod. Also wirklich um alles, denn: Hilfe, es gibt ein Foto!

Etwa 15 junge Leute sind dagestanden, einer unglücklicherweise mit einem echt nervenden Lautsprecher, zwei mit einem Transparent mit der Aufschrift: Wir sterben nicht für eure Kriege, Jugend voran gegen die Wehrpflicht! Der antifaschistische “Solidarische Aufbruch” hat zur Demonstration und Kundgebung gegen die Wehrpflicht gerufen, und zum Schulstreik: Startpunkt am Turmair-Gymnasium, Zwischenstopp bei Ursulinen und FOS, Abschlusskundgebung am Theresienplatz. Das war das, in das ich geraten bin.

Spontan - viele wissen es nicht, aber ich kann so spontan sein - habe ich beschlossen, ein Foto zu machen. „Wer weiß“, hab ich gedacht, „wozu ich das einmal brauchen kann, lieber eines zu viel als eines zu wenig.“ Ich habe schon oft kein Foto gemacht, und oft habe ich es bereut. Fotos kann man öfter gebrauchen als man denkt, das ist meine Erfahrung. Also mache ich eins. Es ist das Foto, das Sie oben sehen.

„Es stört die Gruppe“

Da wendet ein junger Mann aus der etwa 15-köpfigen Menge sich an mich, um mich zu befragen, ob ich das Plakat fotografier’ oder noch mehr. Ich sag, dass ich halt die Kundgebung fotografier. Er sagt, sie wollen das nicht. Und er fragt, warum ich das tu. Ich sag: „Weil ich das will.“ Okay, das war nicht nett von mir, aber mich ärgert es, wenn diese Menschen-, Völker-, Bürger- und Schülerrechts-Kämpfer andere Leute aushorchen wollen, um dann zu entscheiden, ob diese anderen Leute im öffentlichen Raum etwas machen dürfen, Fotos zum Beispiel. Ich finde, er darf im öffentlichen Raum seine Kundgebung machen, ohne sich rechtfertigen zu müssen, und ich Fotos. Er sagt, ich soll aufhören.

Dass ein junger Für-alle-Rechte-Kämpfer so übergriffig wird und Fotos untersagen will, hat mich schon überrascht. Obwohl, dann eigentlich doch wieder nicht. Denn dieses Jugend voran gegen Wehrpflicht hat mich sprachlich erinnert an diese Parolen, die der interessierte Mensch vielleicht noch kennt. Drum hab ich daheim gleich gegoogelt, ob da was dran ist. Es ist etwas dran.

1948 zum Beispiel: Jugend voran! SED Woche der Jugend 4.-10.Okt. 48. Im Arbeiter- und Bauernstaat war vieles untersagt, was im Rechtsstaat völlig okay ist, Fotos von Demos zum Beispiel, Demos selber übrigens auch. Aber dass die voranstürmende Nachfolgejugend auch heute noch glaubt, dass sie entscheiden kann, wen oder was man im öffentlichen Raum fotografieren darf: Ist das nicht erstaunlich? Eine öffentliche Kundgebung im öffentlichen Raum darf jeder fotografieren, und wer’s journalistisch nutzt, darf das sogar veröffentlichen. Das ist im Rechtsstaat halt so. Aber er ist dagegen, denn: „Es stört die Gruppe.“

Vielleicht war’s nur, weil er geschwänzt hat

Hat das nicht Komik? Er sucht die Öffentlichkeit, stellt sich in den öffentlichen Raum mit einer Gruppe, und mit seinem nervigen Lautsprecher stört er jeden Mittagstisch; aber ihn stört ein Foto, und zwar so sehr, dass er’s untersagen will. Ich weiß nicht, was solche Leute noch alles stört. Aber ich habe ein ungutes Gefühl, wenn ich mir vorstelle, wie sie gegen sie Störendes vorgehen, wenn sie einmal mächtiger sind. Und ich verstehe auch gar nicht, warum sie so sind. Mich haben diese Lautsprecherdurchsagen ja auch gestört. Aber deshalb sag ich doch nicht, „hört auf damit!“ oder versuche, das zu untersagen.

Aber vielleicht war das alles auch nur, weil er ein Schüler war und ohne Attest geschwänzt hat. Das ist aber dann sein Problem. Der Schulstreik als solches war übrigens nicht so richtig erfolgreich. Vom Turmair-Gymnasium höre ich, dass die 15 Kriegswiderständler ein paar Lautsprecherdurchsagen gemacht haben und dann unverstärkt weitergezogen sind zur Ursulinen-Realschule, und dort war’s genauso. Von einem Streik im eigentlichen Sinne des Wortes wissen sie an den Schulen nichts.

Aber wir fangen ja alle klein an. Robespierre, Che Guevara, sogar Mao und der Lange Marsch, alle haben klein anfangen müssen. Oft wärs aber besser gewesen, sie wären klein geblieben. Okay, es ist nur eine Kleinigkeit hier, nur ein Foto hat sie gestört. Aber ich möchte nicht herausfinden, was diese Leute zu tun in der Lage sind, wenn sie einmal wirkliche Macht hätten. Die von ganz Links und die von ganz Rechts: Ich dreh da die Hand nicht um. Die haben alle so ungute Tendenzen, und es geht immer um alles.

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