Eine Stadt voller Musik

Foto: Engel

Ich glaube, dass Physik eine seltsame Sache ist, und ich glaube das seit diesem Wochenende. Ihre Gesetze können Phänomene erzeugen, die gänzlich unerwartet auftreten. Das schöne Sommer-Open Air von B1 und B3 beispielsweise: Man denkt ja immer, dass etwas je leiser wird, desto weiter weg dieses Etwas ist. Aber das ist gar nicht so. Ich weiß das deswegen, weil ich auch erst auf dem Festival war, und dann bei mir daheim.

Es war am Freitagabend, als ich auf dem Festival war, und falls Sie da auch waren: Vielleicht sind wir Ihnen aufgefallen. Wir waren die kleine Gruppe von Leuten, die ohne blauen Hut auf dem Kopf auf dem Open Air waren. Wir haben zunächst die B1-Band gehört und gesagt, dass die sehr gut spielt, und vor allem nicht so wahnsinnig laut. Und dass das schön ist. Irgendwann bin ich heim. Und knapp zwei Kilometer vom Hagen entfernt fällt mir auf: Oh. Es ist ja doch ganz schön laut. Aber ich seh das positiv: Die ganze Stadt war voller Musik.

Nicht alle sehen das so. Am nächsten Tag in der Stadt treffe ich einen Bekannten, er wohnt nah am Nawareum. Er war nicht auf dem Festival, aber irgendwie doch. „Das war ziemlich laut gestern“, sagt er, „wir haben alles gehört.“ Eine Freundin aus dem Frauenbründl bestätigt: „Das war echt laut.“ Aus Kagers sagt jemand, dass es sogar echt brutal laut war. Und einer, der auch nah am Hagen wohnt, sagt: „Volksfest ist leiser.“

Nicht nur der Wind: Auch die Physik kennt die Antwort

Am Samstagabend um 22.23 Uhr erreicht mich dann über Whatsapp eine Nachricht: „Das ist hier echt die Hölle für alle, die in der Innenstadt wohnen.“ Kurz darauf treffen erst eine ähnliche Nachricht und dann eine Tonprobe ein. Sie erinnert an Grönemeyer und Bochum: „Du hast ‘nen Pulsschlag aus Stahl, man hört ihn laut in der Nacht.“ Durch all diese Informationen und mein eigenes Erleben ist bei mir der Eindruck entstanden, dass ein Open Air-Konzert um so lauter wird, je weiter man sich vom Open Air-Ort entfernt. Aber kann das denn sein?

Ist es nicht wunderbar, dass es die KI gibt? Man kann die KI einfach fragen, ob das denn sein kann, und nur Sekunden später weiß man: „Ja, das ist unter bestimmten Bedingungen physikalisch absolut möglich“, sagt die KI, und weiter: „Auch wenn es paradox klingt: Durch meteorologische und geografische Effekte kann es passieren, dass man ein Open-Air-Konzert in zwei Kilometer Entfernung deutlicher oder lauter wahrnimmt als an bestimmten Stellen direkt am Veranstaltungsort.“

Dieses Phänomen, sagt die KI, lässt sich durch drei wesentliche physikalische Effekte erklären. Da wäre zunächst die Inversionswetterlage: Da wirft die warme Luftschicht weiter oben den Schall einfach zurück, und zwar gebündelt und kilometerweit um den Veranstaltungsort herum. Aber Inversionswetterlage ist derzeit nicht. Es könnte deshalb auch das sein, was man den Windschatten-Effekt nennt. Wind bewegt sich in Bodennähe langsamer als in der Höhe, wegen der Bäume und Häuser. Wenn der Wind vom Konzert weg bläst, kann er die Schallwellen nach unten drücken. Und wenn er das tut, dann kann sein, dass man kilometerweit entfernt alles noch ziemlich gut hört.

Die Pasta war gut, und Abba auch

Und dann gibt es noch das, was der Fachmann „Frequenzabhängige Absorption“ nennt, der unkundige Laie hingegen nennt es einfach nur den „Bass-Effekt“. Ich glaube, das ist der Bursche, der viele wahnsinnig macht. Höhere Töne wie Stimmen und Gitarren werden durch Luft und Hindernisse ja recht schnell gedämpft. Der viel tiefere Bass dagegen besitzt eine sehr große Wellenlänge und breitet sich extrem weiträumig und fast ungehindert aus. Mit etwas Pech läuft dann der ganze Festivalbass noch in zwei Kilometern Entfernung zusammen, und wegen der Resonanzen an den umliegenden Häusern wird er noch lauter wahrgenommen als am Festival selber. Das ist dann Pech für die Leute dort.

Und was ergibt sich daraus? Mein Gott, das weiß ich doch auch nicht. Es waren ja doch viele Leute begeistert vom Open Air, am Freitag mit blauen Hüten und am Samstag mit grünen aus Strohpapier, also Naturmaterial. Und die Pasta aus dem Parmesan-Laib ist recht gelobt worden, das Preisniveau der Verpflegung insgesamt war doch in Ordnung. Und auch die Abba-Coverband war prima, soweit ich das später am Abend aus dem Stadtsüden gehört hab. Die, die die Band vor der Bühne gehört haben, bestätigen das.

Mir jedenfalls passen diese beiden nicht ganz so leisen Abende wunderbar ins Konzept in meinem rastlosen Kampf für etwas mehr Lockerheit auch am Stadtplatz: Wenn vom Hagen verstärkte Musik bis kurz vor Mitternacht durch die ganze Stadt tönen kann, sollte an sonnigen Samstag-Mittagen doch auch für einen Wirt eine Genehmigung für unverstärkte Musik drin sein. Aber vielleicht ist das Fazit auch einfach nur, dass des einen Ohrenfreud halt des anderen Leid ist, oder auch umgekehrt.

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