Die gerügte Wirtin

Die Wirtin und ein Teil des Teppichs. Foto: Engel/Steininger/ChatGPT

Ich habe der vielleicht weltbesten Wirtin eine Rüge erteilt. Das war sehr tapfer, aber auch ungewöhnlich. Normalerweise ist es an ihr, mir Rügen zu erteilen, oft schon beim Betreten des Lokals, weil ich entweder schon wieder so schau oder schon wieder so bin. Beides habe ich übrigens mit ihr gemeinsam. Aber es ist ihr Lokal, also ist sie die Rügende und ich bin der zu Rügende. Nur diesmal war’s anders: Denn sie hat „Flickenteppich“ gesagt.

Niemand sagt ungerügt „Flickenteppich“ in meiner Gegenwart, auch eine vielleicht weltbeste Wirtin nicht, denn es heißt Fleckerlteppich. Sie weiß das natürlich. Es ist ihr halt rausgerutscht, im Eifer des Gefechts. Das kann passieren, ich habe gerügt und jetzt: Schwamm drüber. Ich bin ein Mensch, der verzeihen kann. Aber ganz bestimmt fragen Sie sich, welches Gefecht denn so eifrig war, dass einer erfahrenen Wirtin solch ein Malheur passiert, und ich sage es Ihnen: Es war wegen dem Pflaster. Man darf „wegen“ mit Dativ schon seit 40 Jahren gebrauchen, seit 1986 genau, als Nicki mit „Wegen Dir“ 16 Wochen in den deutschen Charts war, die höchste Platzierung war 19.

Dieses „Wegen Dir“ hat große Irritationen ausgelöst. Man war es in Norddeutschland nicht gewohnt. Dort war man der Meinung, dieses Lied hätte „Deinetwegen“ oder so ähnlich heißen müssen, auf jeden Fall irgendwas mit Genitiv. Sogar Thomas Gottschalk hat sich damals äußern müssen, weil er eine Instanz und studierter Deutschlehrer war, so groß war die Aufregung. Aber ich verplaudere mich. Es geht ja darum, was eine der besten Wirtinnen der Welt und auch Straubings so dermaßen aus der sprachlichen Contenance geworfen hat: Es war das Pflaster.

Viele verschiedene Pflaster? Ja, und zwar sehr viele

Man muss dazu wissen, dass im Lokal dieser weltbesten Wirtin die wirklich wichtigen Dinge des Lebens besprochen werden, weshalb dieses Lokal ein Ort des Widerstands ist, und zwar gegen alles; gelegentlich sogar gegen sie selber, wenn sie zum Beispiel unbedacht „Flickenteppich“ sagt. Beinah – und es ist ein Glück für die hiesige Stadtverwaltung, dass es nur beinah war – wäre kurz vor dem Jahreswechsel in diesem Lokal auch die Liste SR entstanden, die bei den Kommunalwahlen dann tüchtig abgeräumt hätte, wobei Liste SR natürlich für Liste SteiningerRebellen steht.

Jetzt aber zum Thema: Es wurde in diesem Lokal kürzlich das Pflaster in Straubings Innenstadt besprochen. Man war sich einig: Wie Kraut und Rüben schaut die Straubinger Innenstadt aus. In der Koppgasse dieses Pflaster, in der Steinergasse jenes (sogar gleich zwei verschiedene jene), in der Fraunhofer wieder ganz anders, vor dem Hafner wieder anders, und zwischen Steinerthor-Platz und Stadtturm liegen sowieso gefühlt fünf bis unendlich viele verschiedene Pflaster. Bei Sonnenschein und auch bei Regen sieht das interessant aus. Besonders, wenn man aus Richtung HypoVereinsbank gen Stadtturm blickt.

Und vor der Sparkasse am Theresienplatz lungern seit inzwischen schon 2014 die Probepflasterungen für die Stadtplatz-Neugestaltung herum. Wir werden sehen, was noch daraus wird. Und das Platzl und die Rosengasse können sich schon seit Jahrzehnten nicht entscheiden, ob sie Teer oder Pflaster sein wollen, und wenn ja, welches. Dieses Durcheinander war Thema, denn es erschien allen ungewöhnlich, vor allem im Vergleich mit unseren Nachbarstädten, wo es solch ein Durcheinander nicht gibt.

...Und dann noch der Stadtstrand

Es wird, so war allgemein die Meinung, in der viellieben Heimatstadt ja ansonsten jedes Detail mit großer Liebe, ja Hingabe fast, überwacht, kontrolliert und gepflegt, die Farbe der Schirme, die Gestalt der Bestuhlung, die Pflanzen; denn dieser Stadt (Dativ!) ist die Ästhetik ein hohes Gut. Vielleicht, wurde gemutmaßt, sind diese Pflaster auch Absicht, ein Alleinstellungsmerkmal, welches diese Stadt klar unterscheiden soll vom ästhetischen Charme Landshuts oder auch Passaus. Doch wegen eines zu hohen Unsinnsfaktors wurde diese Theorie gleich wieder verworfen. Man zeigte sich jedoch gespannt, ob der derzeit laufende Stadtplatzumbau vielleicht neue Alleinstellungs-Nichtmerkmale bringt.

Vor diesem Hintergrund aber geschah, dass unserer weltbesten Wirtin jenes verbale Malheur unterlief: „Des schaugt aus!“, hat sie nämlich über die Innenstadtpflasterung gesagt, „wiara Flickenteppich!“ Und das hat ihr meine Rüge eingebracht. Und ich finde: Mit Recht. Man sagt nicht: „Flickenteppich“. Man sagt: Die Straubinger Innenstadt schaut aus wie ein Fleckerlteppich.

Nachdem dieses geklärt ist, bin ich nun gespannt, was demnächst Thema der SteiningerRebellen sein wird. Der jüngst verblichene Stadtstrand vielleicht, er böte sich ja nun geradezu an für ein paar undurchdachte Bemerkungen. Denn dieser Stadtstrand ist ja auch so eine Geschichte: Eröffnet im Juni 2017, ganz bewusst nah an der Uni, um Studenten das Leben an der Donau schöner zu machen auch ohne direkten Wasserzugang, doch irgendwie leider so gar kein Erfolgsmodell: Ratlosigkeit überall, warum das so komplett erfolglos war.

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„Bald nicht mehr zu unterscheiden“