Der Geschmack der KI

Rechts: Alt. Links: Neu. Foto: Engel

Man kann so viel machen heutzutage, man hat so viele Möglichkeiten, finden Sie nicht? Auf dem Theresienplatz haben sie gestern den neuen Adventskalender installiert. Ich verrate nix Neues, wenn ich sage: Er ist umstritten. In Straubing ist gern was umstritten. „Nicht schön“, sagen manche, „der alte war schöner.“ Aber „De gustibus non est disputandum“ hätte vor 1 500 Jahren unser römischer Stadtkommandant nur gesagt, über Geschmack lässt sich nicht streiten. Aber Sorviodurum gibt’s ja nicht mehr. Drum hab ich die KI zu Rate gezogen.

Mir fällt übrigens auf, dass ich mich immer öfter an die KI wende. Erst kürzlich hab ich sie gefragt, ob es auch einen Gegenbegriff zu Misogynie gibt, weil meine Tochter mir immer gleich Misogynie unterstellt, wenn wir verschiedener Auffassung sind, religionspolitisch zum Beispiel. „Ja“, hat die KI mir berichtet, „der Gegenbegriff zu Misogynie ist Misandrie.“ Das hab ich ihr dann gleich zurückunterstellt, aber sie hat nur „Quatsch“ gesagt. Ich mach eben viel falsch. Nun aber zum neuen Adventskalender:

Erst hab ich der KI ein Bild vom alten Kalender gezeigt und dann eins vom neuen. „Vergleiche beide“, hab ich gesagt, „welcher ist ansprechender?“ Ich habe nämlich die Hoffnung gehegt, dass die Antwort der KI der sicher nun aufkommenden Debatte um diesen Kalender die Spitze nehmen kann. Was also sagt die KI? „Ich finde“, sagt die KI, „den ersten Adventskalender ansprechender, also den mit den 24 bunt gestalteten Bildern direkt in den Fenstern der Einhorn-Apotheke.“

„Weniger harmonisch“

„Lebendiger, festlicher“, sagt die KI, „weihnachtlich fröhlicher und architektonisch integriert“, weil die einzelnen Türchen harmonisch in die Fassade passen. Der andere ist dafür „übersichtlicher und einheitlicher“, mit gut sichtbaren Sponsoren. Aber „weniger weihnachtliche Wirkung“, weil die vielen Logos mit den Illustrationen konkurrieren. Muss die KI dabei auch an diese TV-Interviews mit Profi-Sportlern vor Sponsor-Tafeln denken wie ich? Man weiß so wenig darüber, wie KI denkt. Ihr Fazit jedenfalls war: „Der erste Kalender gewinnt für mich bei Gestaltung, Atmosphäre und Gesamtwirkung.“

Die KI sagt immer „für mich“ oder „ich“, weil sie ja auch nur ein Mensch ist, und jeder Mensch die Dinge subjektiv sieht. Drum arbeitet sie auch mit Begriffen wie „origineller, liebevoller und stärker mit dem Gebäude verbunden“, die KI ist sehr menschlich. Aber der zweite Kalender punktet auch, und zwar mit „Übersichtlichkeit und Darstellung der Sponsoren.“ Und dann entscheidet sie: „Wenn es darum geht, welcher Adventskalender Menschen in der Innenstadt mehr begeistert und echte Weihnachtsstimmung erzeugt, würde ich klar den ersten wählen“, und das verstehe ich. Aber: Es geht nicht nur um Weihnachtsstimmung.

Es geht auch um Statik und Standsicherheit und damit ums Gewicht, und der neue Kalender wiegt halt nur noch 100 kg und nicht mehr 1 100. Das hab ich der KI aber nicht gesagt. Einerseits war das unfair von mir. Andererseits: Ein normaler Mensch weiß das beim Betrachten ja auch nicht. Drum hab ich gleich weitergemacht. Ich bin auf den Ludwigsplatz und hab Fotos von den neuen Strahlern gemacht. Die sind sehr umstritten. „Planlos platziert“, sagen Kritiker, „ohne Rücksicht auf die historische Fassadengestaltung, willkürlich.“ Und: „Kein Respekt vor dem Denkmal“. Und einer hat sie sogar „a umdrahte Teflon-Pfann’“ genannt: Das ist hart geurteilt.

„Unruhiger Fremdkörper“

Denn dies ist eine Stadt, in der dem Denkmalschutz die Stadtplatzharmonie wichtig ist. Ein Café-Tisch muss deshalb rund sein und ein Wirtshaustisch eckig, weil sonst die Ästhetik nicht stimmt. Holzbänke vor einem Gasthaus? Oh Gott, unmöglich, und von den verheerenden Folgen von Farbe für die Harmonie wollen wir gar nicht erst reden. Jetzt diese Strahler? Okay, dass man für die Kabel historische Fassaden aufschlägt, find ich nicht schlimm. Die werden schon wieder zugemacht. Dann schaut das wieder aus wie zuvor, die Substanz wird’s schon aushalten. Aber die Strahler selber? Was sagt die KI dazu? Wem gibt sie recht? Ich sage es gleich: Ein Fan dieser Strahler ist sie nicht.

Zum Teil strahlen sie schon. Foto: Engel

Die KI findet, dass der Kontrast zu hart ist. „Das flache, anthrazitfarbene oder schwarze Gehäuse des modernen LED-Flutlichts bricht radikal mit den weichen, geschwungenen Stuckverzierungen über den Fenstern“, sagt die KI zum Beispiel zum Deichmann-Haus, „es bildet einen unruhigen Fremdkörper inmitten der klassischen Fassadengliederung.“ Denn die historischen Fassaden am Stadtplatz haben ja Fensterachsen, Stuckrahmungen und Gesimse. Strahler können da schnell ungut auffallen als nachträglich hinzugefügt, sagt die KI, und sie befindet in unserem Fall: „Die technische Lösung tritt nicht ausreichend hinter die Architektur zurück.“

Deshalb sagt die KI: „Funktionell sinnvoll, gestalterisch aber unglücklich.“ Und das in Straubing am Stadtplatz. Wo doch grad da die Gestaltung so unglaublich wichtig ist und der Denkmalschutz wacht, dass nicht alles dem Funktionellen untergeordnet wird. Da aber schon. Wer der unglückliche Gestalter ist, wissen wir nicht. Aber vielleicht gehen Sie auf den Stadtplatz und schauen Sie selber. Vielleicht ist Ihr eigenes Urteil vor Ort ja ganz anders. Aber vergessen Sie vorher, was die KI dazu sagt. Ein Algorithmus ist nämlich vorläufig doch noch kein richtiger Mensch.

So hell strahlt nachts der Sparkassen-Strahler. Foto: Engel

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