Angst, Wahnsinn, Zuversicht
Es gibt diese Menschen, die dich zuschütten können mit Optimismus, mit ihrer Zuversicht, mit ihrem „Du wirst schon sehen, es wird alles gut!“ Man braucht diese Menschen. Man ist verloren im Wahnsinn des Lebens ohne diese Menschen. Ein Freund hat mich angerufen. Es war vor einer Woche, denn es war mein Geburtstag. „Weißt du, was ich dir schenke?“, sagt er.
Ich sage: „Was?“ Er sagt: „Ich schenk dir den Aufstieg von Sechzig in diesem Frühjahr!“ Da ward mein Herz froh. Ich habe gegrinst wie ein Bayernfan, dem das Schicksal grad einen 4:0-Sieg im Estadio Santiago Bernabeu angekündigt hat, und das ist ein Stadion, in dem Bayern München seit 25 Jahren kein Sieg mehr vergönnt war, keiner, nicht einer. Und allein, dass ich auf diese 25 Jahre verweisen kann, freut mich irgendwie, denn in mir lauert auch diese abgrundtief dunkle Seite, aber das wissen Sie eh. Es war ein schöner Moment.
Auch für meinen Freund war es ein schöner Moment, denn auch er ist ein Löwenfan. Ihm ist zudem die Kraft der Autosuggestion gegeben, das ist jene Kraft, die dem Menschen ermöglicht, seine Träume wahr werden zu lassen, und der Traum vom Aufstieg der Löwen ist einer, der wahr werden sollte. Man braucht solche Menschen in seinem Umfeld. Sie können so positiv sein. Sie können Mut machen, sie können depressive Anfälle vertreiben, Hoffnung und Zuversicht schenken. Sie können den Glauben an eine schöne Zukunft vermitteln: Sieg. Aufstieg. Meisterschaft. Wir schaffen alles.
„De hauma naus!“
Und wir sprechen weiter, denn wir sind beide auch Tigerfans. Ich frage ihn, welche Chancen wir haben gegen Berlin, dieses starke, unglaublich erfahrene, eigentlich vollkommen übermächtige Berlin. Wir haben schon so oft in den Playoffs gespielt gegen dieses verdammte Berlin, es ist dieses Mal schon das sechste Mal, es kann aber auch schon das 60. sein, und ich weiß nicht, ob 60 hier gut ist. Denn wir haben immer verloren. Wird es auch dieses Mal so sein?
Es ist meine Angst, dass es dieses Mal auch so sein wird. Bisher war es immer so, jedes Mal, es war so beim ersten Mal, es war so beim letzten Mal, und, ich habe Angst, dass es dieses Mal auch so sein wird. Also frage ich ihn: „Glaubst du, es wird dieses Mal auch so?“, und ich habe Angst vor seiner Antwort. „Spinnst etz?“, ist seine Antwort, „de hauma naus!“ Ich sage: „Echt?“ Er sagt: „Freilich. De hauma weg.“
Ich sage: „Ja, aber bisher? Wie war des denn bisher? Wir ham doch immer verloren gegen die?“ Vier Playoff-Serien gespielt und verloren, es können auch 100 gewesen sein, und dann ist da noch der Saisonverlauf der Berliner in diesem Jahr: Durch die Saison mit so viel Verletzungspech wie kaum eine andere Mannschaft, jetzt aber wieder fast alle Spieler zurück. Sie haben zuletzt alles geschlagen, was Rang und Namen hat in der Liga, die Haie, die Adler, die Aufputschgetränketruppe aus München: Sie haben sie alle geschlagen. „Uns ned!“, sagt der Freund.
Als ich „An Hede“ schrieb
„Wir schlagen die!“, sagt der Freund, „schaug unsere Mannschaft an! Schau doch, wie schnell die sind! Wer in der Liga ist so schnell wie die Unsrigen? Und wir haben Haukeland! Welcher Torwart ist besser als Haukeland? Niemand ist besser als Haukeland! Und Bugl, wir haben auch Bugl! Und Stefan Loibl ist wieder fit! Und bald kommt Allison zurück! Und schau unsere jungen Deutschen an! Nimm Elis Hede! Er ist noch einmal besser als sein Vater je war!“
Ja, so muss man sprechen mit mir! Wer so zu mir spricht, weckt in mir Glaube und Zuversicht. Und wenn jemand „Elis ist noch einmal besser als sein Vater je war“ zu mir sagt, wird meine Zuversicht größer als die Pokalvitrine von Real Madrid. Denn der Vater von Elis war Niklas, und Niklas Hede war ein Gigant. So groß war Niklas Hede, dass ich vor gut 20 Jahren einmal eine Ode erdichtete, „An Hede“ war ihr Titel, und in aller Bescheidenheit wage ich zu behaupten: Es ist die vermutlich beste Ode, die je über einen Tigergiganten erdichtet wurde.
Dann sprechen wir noch über den Pulverturm, wie der Pulverturm brennen kann! Welch eine Macht der Pulverturm ist, welche Wucht er entfalten kann! Wenn Peter Schnettler „Und der Pulverturm erhebt sich!“ ruft, und der Pulverturm spürt, dass die Mannschaft alles gibt, dann gibt auch der Pulverturm alles, und das glauben wir nicht, weil das nicht Glaube ist, sondern Wissen! Und wir wissen das deshalb, weil wir das schon erlebt haben. Wir sind Kinder des Pulverturms, seit den 70er Jahren, und meine Zuversicht wächst.
Und dann das Spiel!
Und dann sagt er noch, dass in Berlin ja gar nicht alle zurück sind. Ihr Torwart Hildebrand fehlt ja. „Der Stettmer“, sagt er, „ist doch dem Druck noch nicht gewachsen. Der Stettmer hat nicht die Konstanz über eine so harte Serie, wie wir sie liefern werden.“ Es war so ein schönes Geburtstagsgespräch: Aufstieg von Sechzig, Sieg über Berlin, es war so schön.
Dann kommt der Sonntag und mit ihm das Spiel der Löwen in Duisburg: Ein Sieg, und wir sind fast schon ganz oben. Sechzig verliert 1:2. Duisburgs erstes Tor fällt in der 60. Minute. Die 60. Minute ist die Minute, die immer Sechzig gehören sollte. Das zweite fällt in Minute 90. So viel zum Aufstieg, und heute gegen Berlin, und ich hab wieder Angst. Andererseits: Wir sind nicht die Löwen.
Wir sind die Tiger! Wir haben Haukeland! Wir haben Hede! Wir sind der Pulverturm! Oh, es wird heiß heute Abend! Er sagt, wir gewinnen die Serie, wie genau, ist egal, aber wir gewinnen. Und er sagt: „Rathausbalkon.“ Rathausbalkon! Meisterschaft! Man braucht diese Zuversicht, man braucht diese Menschen. Wahnsinnig werden kann man später dann immer noch. Und wenn Sie jetzt wissen wollen, ob ich immer noch Angst hab, sage ich: Ja. Nein. Ja. Nein. Ja. Ein bisserl wahnsinnig ist das aber schon, fürchte ich.
