Die Grafik, die gar nicht geht
Oben: Die Grafik, die gar nicht geht. Unten: Der Ist-Zustand mit zwei Feldern und der Wunschzustand mit vier Feldern. Grafiken: Nawaro.
Diese Nawaro-Aquatherm-Geschichte: Man liest sie im Tagblatt, man sieht diese Grafik mit dem wahnsinnigen Platzverbrauch, und man denkt: Ist da irgendwer irre geworden? Wie kann man so etwas planen? Aber ich habe nachgefragt, und jetzt würde ich sagen: Diese Nawaro-Aquatherm-Geschichte ist fast ein bisserl eine Krimikomödie, aber eigentlich ist es hauptsächlich die Geschichte eines kommunikativen Desasters.
Vielleicht ist es auch hauptsächlich eine Koch-oder-Kellner-Geschichte, aber vielleicht wird keine Suppe so heiß gegessen, wie sie gekocht wird. Denn ganz so, wie im Straubinger Tagblatt vor einer Woche dargestellt, ist diese Geschichte offenbar nicht, zumindest nicht mehr. Aber der Reihe nach:
Im Oktober war ein Treffen im Rathaus. Der OB war dabei, die Spitzen der Bauverwaltung, die Leute von Nawaro, der Stadtwerke-Chef und der Freibad-Leiter. Thema war der Wunsch des Volleyball-Clubs Nawaro nach vier Beachvolleyballfeldern im Freibad. Beachvolleyball ist ein Sport mit starken Zuwachsraten, und im Nawaro-Nachwuchs sind 140 Mädchen. Da haben Stadtwerke und Freibad zum ersten Mal diese wahnsinige Grafik gesehen. Und vor einer Woche war diese Grafik im Tagblatt mit der Feststellung: „Zwei Drittel der Liegewiese würden wegfallen.“ Da war ganz Straubing entsetzt, und ich auch.
Was von Nawaro nicht schlau war
Auf Grundlage dieser Grafik haben sie im Freibad den Platzbedarf für die vier Felder abgesteckt: Gut 1 100 Quadratmeter, zusätzlich zu dem bisherigen Beachsoccer- und dem Beachvolleyballfeld. Da bliebe echt nicht mehr viel übrig von der Liegewiese. Aber, sagt Rupert Hafner vom Volleyball-Club Nawaro, „so ist es gar nicht, das ist völlig falsch abgesteckt“. Er sagt: Das bisherige Volleyballfeld bleibt ja, es wird nur erneuert. Und das bisherige Beachsoccerfeld würde umgebaut für Volleyball, so dass nur zwei neue Felder dazukommen.
Und damit wäre es so: Nicht 1 100 Quadratmeter Liegewiese fallen weg, sondern nur etwa 500, und nicht in mitten der Liegewiese, sondern weiter hinten. Und damit ist es eine ganz andere Diskussion. Nun ist es aber keine ganz andere Diskussion geworden, sondern eben die Diskussion, in der fast ganz Straubing fragt, ob die Nawaro-Leute eigentlich spinnen. Und das liegt schon auch an Nawaro: Rupert Hafner sagt nämlich einerseits, dass auch den Nawaros völlig klar war, dass diese Grafik, die in der Zeitung war, gar nicht geht. Und trotzdem haben sie diese Grafik in die Präsentation gepackt und im Rathaus vorgestellt.
Es ist nicht schlau, wenn man im Oktober eine Grafik präsentiert, von der man selber glaubt, dass sie gar nicht geht. Und Anfang April waren sie dann schockiert, dass diese Grafik und eine entsprechende Geschichte in der Zeitung aufgetaucht ist. Weil, sagt Rupert Hafner, das haben sie ja schon beim Rathaustreffen gesagt, dass es so nicht geht, und dass diese Grafik nie zur Veröffentlichung bestimmt war. Und dass sich Irgendwer aus dem Umfeld von Stadtwerken oder Aquatherm diese Präsentation irgendwie besorgt hat, und ohne Wissen von Nawaro.
Durchgestochen ans Tagblatt
Üblicherweise ist es aber so, dass solche Präsentationspapiere an die Teilnehmer verteilt werden, und dann kann man sie mitnehmen. Soll ich Ihnen sagen, was ich glaube, wie das in die Zeitung gekommen ist? Irgendwer bei den Stadtwerken oder im Freibad hat das halt mitgenommen. Und ein halbes Jahr später hat sich Irgendwer gedacht: „Wenn den Nawaros von Haus aus klar ist, dass es so nicht geht, warum geben sie das trotzdem an uns raus? Und jetzt ist Ende März, ich schlag jetzt lieber Alarm.“ Und so ist diese Präsentation mit der Grafik beim Tagblatt gelandet, und ich muss sagen: Das verstehe ich voll.
Okay, Nawaro soll in dem Treffen zwar gleich gesagt haben, dass die Grafik ein Schmarrn und nur deshalb gemacht worden ist, weil man gedacht hat, dass die zwei Bestandsfelder nicht überplant werden dürfen. Stadtwerkechef Winter hat dann aber wohl gesagt, dass die das schon dürfen. Aber wenn ein Verein eine solche Grafik in ein Treffen im Rathaus mit OB und sonstigen Spitzen mitbringt, und wenn dann im März ein Treffen mit Ortstermin ist, und wenn Nawaro es bis dahin nicht schafft, dass die Stadtwerke oder das Freibad eine neue, aktuelle Grafik zu sehen bekommen, weil die neue nämlich erst gestern Abend fertig geworden ist, obwohl man heutzutage blitzschnell Grafiken machen kann: Da hätte ich auch noch im März Angst um meine Wiese.
Stadtwerke und Aquatherm haben sich offenbar gefühlt wie ein Koch, dem man plötzlich erklärt, dass ab jetzt der Kellner der Chef ist. Ich glaube, deshalb ist – witzigerweise pünktlich zum 1. April – diese Grafik beim Tagblatt gelandet, und das Tagblatt hat als Quelle Grafik: Stadtwerke genannt, obwohl sie Nawaro gemacht hat. Da war das Desaster perfekt: Zwei Tage lang Shitstorm bei Facebook, Internet-Petition, empörte Stadträte, Empörung überall. Und schon nach zwei Tagen Shitstorm hat das Tagblatt all seinen Mut zusammengekratzt und sich mit einem tüchtigen „Das könnte man auch rücksichtslos und egoistisch nennen“-Kommentar im Konjunktiv an die Spitze des Protests gestellt, es war so tapfer.
Was lernen wir aus dem Debakel?
Jetzt müssen die Nawaros mühsam erklären, dass es so doch gar nicht gemeint war, sondern mehr so wie in Landshut: Da haben sie schon vier Beachvolleyballplätze. Das Landshuter Bad ist ähnlich groß, und dort, sagt Rupert Hafner, wollen sie jetzt sogar noch vier dazubauen, weil der Bedarf da ist. Beachvolleyball ist sehr angesagt. Es ist mit der am schnellsten wachsende Sport, eine der wenigen von Frauen dominierten Sportarten, und in Landshut gibt es Null Probleme zwischen Volleyball und Badegästen.
Dort kümmert sich der Landshuter Schwimmclub um die Volleyballanlage, sagt die Dame im Freibadbüro: Der Club zahlt Miete, macht jeden Sommer ein paar Turniere, hält die Plätze in Schuss, und ab 17 Uhr trainiert der Club. Vorher kann jeder drauf und alles läuft gut. Es gibt viele Freibäder in Bayern mit mehreren Beachvolleyballplätzen, Ingolstadt, Schwandorf, Augsburg, und in Weiden haben sie sechs Plätze, aber dort hat die Liegewiese auch 60 000 Quadratmeter. So etwas will Nawaro auch, aber mit ihrer eigenen Grafik haben sie den Plan jetzt versehentlich etwas demoliert: Ein Kommunikationsdebakel.
Und was lernen wir daraus? Bring keine Grafik zu einem Treffen mit Irgendwem, dessen Zustimmung du willst, wenn dir vor dem Treffen schon klar ist, dass die Grafik nicht zustimmungsfähig sein wird. Das Mitbringen einer nicht zustimmungsfähigen Grafik wirkt ja doch irgendwie seltsam und schadet damit einer an sich gar nicht so schlechten Idee. Und wenn sich die zwei nicht einig werden, muss man vielleicht halt auf einen inzwischen nicht mehr gebrauchten Fußballplatz ausweichen. Soll es ja geben in Straubing. Aber so heiß wird die Suppe schon nicht gegessen werden. Bei Betrachtung der richtigen Grafik ist der Plan doch gar nicht so schlimm.
Vier Plätze in Landshut. Fotoquelle: Nawaro
