Bringen wir sie heim!
Von einem dieser Masten wurde sie entwendet. Foto: Digitales Bilderarchiv R. Graf, Foto von 1965.
Es gilt, großes Unrecht zu heilen un dem Recht zum Siege zu verhelfen, und vor allem dem Eigentumsrecht. Wer aber wäre dafür besser geeignet als engel-sr.de? Denn es gilt, eine große Tochter der Stadt heimzubringen nach einem Unglück, das der Stadt Straubing einst widerfahren ist, also uns allen. Begeben wir uns dazu zurück in den Sommer 1988, vielleicht aber auch `89, so genau weiß der Mann, der das Unrecht beging, das nicht mehr. Gesichert aber ist dies:
Es gab eine Zeit, da waren Fahnenmasten am Stadtplatz. Um einige dieser Fahnenmasten war eine Sitzbank, vielleicht erinnern Sie sich, aber das ist eigentlich wurscht. Diese Masten existierten, bis man ihrer überdrüssig wurde, das war um das Jahr 2010. Doch bis dahin war manchmal, wenn eine Festlichkeit war, ein Bernauerspiel etwa oder ein Volksfest, auf jedem Fahnenmast eine Fahne: Rot-Weiß (weil das am Stadtplatz bei Fahnen gestattet ist), und mit dem offiziellen Stadtwappen drauf.
An die fünf Meter lang war so eine Fahne. Sie erkennen das wunderbar auf den Fotos, die Robert Graf als einer der besten Kenner der Straubinger Stadtgeschichte zur Verfügung gestellt hat: Legales Rot auf der einen Seite, Weiß auf der anderen, und mittendrin unser Wappen, so hing da die Fahne; wenn sanft ein Sommerwind wehte, gab leicht wie ein Lindenblatt sie sich seinem Streicheln hin. Bis zu dem Augenblick, als durch eine laue Sommernacht ein damals noch junger Mann heimwärts ging.
Wie er sie der Stadt entriss
Er war nicht aus Straubing. Nur für wenige Jahre und aus schulischen Gründen war er in der Stadt. Und obwohl er nicht aus Straubing war, kann er nicht völlig ausschließen, dass er aus Gründen, die er nicht mehr kennt, vor seinem Heimweg etwas Alkohol probiert haben könnte. Aber das ist nicht entscheidend für diese Geschichte. Entscheidend ist, dass er in dieser lauen Sommernacht den Fahnenmast erklomm, der nah am Seethaler stand. Und als er die Fahne selber erreicht hatte, unsere wunderbare rot-weiße Stadtfahne, diese fünf Meter lange Tochter dieser Stadt, entriss er sie dem Mast! Und damit unserer Stadt! Und damit auch uns! Und zwar mit bloßen Händen! Er hat unsere Fahne entführt.
Fahnendiebstähle sind eine schlimme Sache. Immer wieder geschehen sie. In Lauter-Bernsbach im Erzgebirge zum Beispiel ist erst in diesem Frühling ein solcher Diebstahl geschehen. Vom 7. auf den 8. März haben Unbekannte die offizielle Stadtfahne entwendet, wobei der gesamte Fahnenmast umgelegt wurde. Als besonders ärgerlich aber wurde empfunden, dass Lauter-Bernsbachs dekorative Fahne, mit offiziellem Stadtwappen drauf, noch nicht einmal eine Woche alt war.
Der Tatbestand des Diebstahls war damit erfüllt, in Lauter-Bernsheim 2026 genauso wie in Straubing im Sommer `88 oder `89; der Gesetzgeber sieht dafür eine Geldstrafe vor oder eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren. Kein Wunder, dass am nächsten Morgen in Straubing der junge Mann „Oh Scheiße (sic!), was hab ich denn jetzt wieder angstellt!“ gedacht hat. Doch statt sich der Strafverfolgungsbehörde zu stellen, entführt er lieber die Fahne noch weiter, und zwar bis in seine Heimatstadt.
„Nimm diese Fahne!“, hat er gesagt, und wir übergeben sie dem OB
Dort ruht sie eine gewisse Zeit. Ein Umzug ins Ausland verschlägt sie in den Süden Europas. Wohlverwahrt in einer Schachtel gerät sie dort in Vergessenheit. Doch vor wenigen Monaten wird sie wiederentdeckt. Ihr Zustand ist noch immer perfekt, was heute ohne den Diebstahl wohl kaum der Fall gewesen wäre. Dem nun nicht mehr ganz so jungen Mann aber steigt die Erinnerung an seinen furchtbaren Frevel in den Sinn, und Reue über die unselige Untat füllt nun sein Herz. Bei nächster Gelegenheit fährt er nach Straubing. Mit einer Freundin aus der gemeinsamen Schulzeit bespricht er den Fall.
„Nimm diese Fahne“, hat er dann gesagt, „tu mit ihr, was du willst!“. Und was tut diese Freundin? Sie enthüllt alles mir. Gemeinsam heilen wir nun die unheilige Tat.
Im Triumphzug und an einem der nächsten Samstage werden wir diese Fahne heimbringen an jenen Ort, von dem sie verschwand. Dort, auf dem Theresienplatz, werden wir sie feierlich und in einem Festakt dem höchsten Repräsentanten der Stadt übergeben, und es wird eine Blasmusik spielen und Markus Pannermayr wird eine der Bedeutung des Augenblicks angemessene Rede halten.
Leider ist mir nicht gestattet, den Fahnendieb namentlich zu nennen. Zwar muss er Strafverfolgung nicht fürchten, denn der Fall ist verjährt. Doch in gewissen Kreisen über Straubing hinaus ist er nicht ganz unbekannt. Und würden Sie selber sich brandmarken wollen, indem Sie solch eine Jugendsünde wie den Diebstahl einer ganzen und fünf Meter langen Stadtfahne öffentlich mit Ihrem Namen verbinden? Nein, das würden Sie nicht! Doch wenn wir im Triumph diese Fahne dahin zurück geleiten, wohin sie gehört - und zwar mit Pauken und mit Trompeten! - dann könnte sein, dass er unerkannt unter den Zuschauern steht. Und dass um seine Züge ein Lächeln spielt, weil er nach fast 40 Jahren uns einen schönen Samstagsfestzug am Stadtplatz beschert hat.
Möglicherweise fließen auch Tränen der Rührung, das wäre schön. Und den genauen Termin werden Sie demnächst erfahren, und zwar auf dieser Website.
Und so war’s am Ludwigsplatz. Foto: Privatarchiv R. Graf
