Ab und zu Kampagne

So hat es begonnen, aber so war es nicht: Screenshot aus dem Tagblatt vom 1. April.

Infos sickern oft durch, in Brüssel und Berlin, aus Kabinettsitzungen, Parteien, Fußballclubs; das SPD-Erbschaftssteuerkonzept, Details aus Sondierungsgesprächen in Baden-Württemberg, Gesetzentwürfe, Projekte und Personalien wie vor einem Jahr die gesamte SPD-Bundesminister-Liste, da war die SPD-Spitze unfroh. Denn alle veröffentlichen, Spiegel, SZ, Bild, ARD, ZDF. Der Skandal ist nicht, dass durchgestochen und veröffentlicht wird. Ungut wird’s erst, wenn Medien dazu falsch oder nur halbwahr berichten.

Der Stadtwerke-Aufsichtsrat hat den Nawaro-Antrag auf vier Beachvolleyballfelder im Aquatherm abgelehnt. So berichtet am Freitagmorgen das Tagblatt. Hat das überrascht? Nicht wirklich. Das war klar seit dem ersten Tagblatt-Bericht. Am 1. April hat das Tagblatt erstmals über ein nicht-öffentliches Treffen dazu berichtet. War das falsch? Nein. Aber: Es hat eine monströse Grafik dazugestellt, die schon lange vom Tisch war. Seitdem war bei diesem Thema in jedem Kopf eine zerstörte Liegewiese. Das ist die Macht der Bilder.

An das Tagblatt war diese Grafik durchgestochen worden mit der Information: Das ist, was Nawaro plant. Das Tagblatt prüft das nicht nach. Es fragt nicht bei Nawaro, ob diese Grafik zutreffend ist. Es sagt nicht, dass es diese Grafik überhaupt hat. Es fragt nur, ob es Pläne für vier Felder im Aquatherm gibt. Nawaro-Geschäftsführer Wittl hat keine Chance für eine Klarstellung. Dazu veröffentlicht das Tagblatt diese Grafik, die schon vom Tisch ist, als sei sie aktuell, und macht als Quellenangabe: Stadtwerke.

Es geht nur ums Verhindern

Wenn das Tagblatt glaubt, die Stadtwerke hätten zu einem Nawaro-Plan eine Grafik gemacht, muss es Nawaro danach fragen und mit einem „Schon lang vom Tisch“ rechnen. Das Tagblatt weiß, dass es bei Stadtwerken und Aquatherm Leute gibt, die Nawaro nicht haben wollen. Das ist eine legitime Position. Die kann auch das Tagblatt vertreten. Dass es durchgestochene Informationen benutzt, ist nicht verwerflich. Es müssen aber zutreffende Informationen sein, und sie müssen überprüft werden, und es müssen die Argumente beider Seiten kommen. Nichts davon war hier der Fall.

Das Tagblatt hat bewusst eine zerstörte Liegewiese in die Köpfe gesetzt. Es hat gezielt emotionalisiert. Eine sachliche Diskussion war damit unmöglich. Emotion schlägt Sachlichkeit. Die Folge: Shitstorm im Internet, Petition, Leserbriefe, Stadträte, die auf den Zug aufspringen, und alles auf Grundlage eines Gedankenspiels, das schon lange ungültig war. So geht es weiter, ein Tagblatt-Bericht nach dem anderen, alles Tendenz-Berichte. Ein einziger Bericht bringt die Nawaro-Sicht. Er kommt nur, weil Nawaro eine Richtigstellung ans Tagblatt schickt. Ansonsten: Nur Gegner kommen zu Wort.

Natürlich gibt es Argumente gegen den Nawaro-Plan. Aber es gibt auch Argumente dafür. Der Punkt ist: Das Tagblatt bringt nur, was dagegen spricht. Eine ganze Seite „Petition für Erhalt der Liegewiese“, eine ganze Seite „Liegewiese soll Platz für alle bleiben“, und immer wieder, wo man die Petition unterschreiben kann. Das ist nicht Information, das ist nicht Abwägen, das ist nicht Pro und Contra. Das ist Kampagne, Stimmungsmache, um zu verhindern.

Die Aufklärung fehlt

Das Tagblatt fällt immer wieder auf mit Tendenzberichten. Der Fischstand vor einem Jahr: Als klar ist, dass der Informationsstand der Straubinger extrem niedrig ist und zahlreiche User auf der Tagblatt-Seite in Facebook Sätze schreiben wie: „Den Stand braucht es nicht, Fisch gibts bei der Nordsee, was hat Straubing mit Fisch zu tun, wir sind im Gäuboden und nicht am Meer“ – da klärt das Tagblatt nicht etwa auf.

Es schreibt nicht, dass die Nordsee schon seit Jahren keinen Fisch mehr verkauft, dass Straubing an einem Fluss liegt, dass es seit Jahrhunderten hier Berufsfischer gibt. Das schreibt es nicht. Stattdessen macht es auf diesem Unwissensstand eine Umfrage. Das Ergebnis ist bekannt: Kein Fischstand.

Ich glaube nicht, dass es dem Tagblatt grundsätzlich nur ums Verhindern geht. Ginge es nur darum, hätte es vor dem Bürgerentscheid zur Monoverbrennung auch gegen die Monoverbrennung sein müssen. Damals war das Tagblatt aber dafür, aber erneut mit unglaublicher Einseitigkeit. Wochenlang war in jeder Samstagsausgabe eine Serie über ausschließlich die Vorteile der Monoverbrennung. Das war Kampagne. Es war Stimmungsmache, die damals aber gescheitert ist.

Gedruckt wird die irrsinnige Grafik

Natürlich kann man den Nawaro-Plan kritisch sehen. Natürlich kann man zu der Auffassung kommen, dass der Plan nicht gut ist. Natürlich hat Nawaro einen riesigen Fehler gemacht, dass diese irrsinnig erscheinende Grafik überhaupt ausgedruckt wurde. Vielleicht hätte der Aufsichtsrat den Plan auch ohne Tagblatt-Kampagne abgelehnt. Vielleicht hat er wirklich sachgerecht abgewogen. Aber nach dieser Tagblatt-Kampagne wissen wir’s nicht.

Eine Kampagne, wie sie das Tagblatt hier gefahren hat, hat Einfluss, und ein Shitstorm ist das Letzte, was sich Politiker wünschen. Abgelehnt aus Überzeugung? Oder aus Angst vor dem Shitstorm? Das ist ein Unterschied. Eine Tageszeitung soll auch Position beziehen und kommentieren. Aber bevor sie das tut, sollte sie über beide Seiten informieren. Sie sollte über Argument und Gegenargument informieren. Das tut diese Zeitung zu wenig. Zu oft ist diese Zeitung unterwegs als Propagandist für nur eine Seite.

Kann man also gegen den Nawaro-Plan sein? Ja, selbstverständlich. Aber man sollte auch die Nawaro-Position kennen. Die war kaum dargestellt. Ich weiß nicht, ob ich für den Nawaro-Plan gestimmt hätte. Aber ich sehe, dass hier das Tagblatt nicht fair war.

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